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Sonntag, 2. Oktober 2011

Jedes fünfte Paar!

Bei zwanzig Prozent aller Paare in Deutschland erfüllt sich der Kinderwunsch nicht. Wir sind eins davon! Dieser Blog ist von einer Nichtschwangeren für Nichtschwangere zum - selbstverständlich - anonymen Austausch. In den letzten Jahren habe ich so viele werbeverseuchte Foren durchstöbert und versucht aus den unleserlichen Einträgen ein paar Antworten auf meine tausend Fragen zu bekommen. Ein Geduldsspiel! Weil ich weiß, dass es Euch auch so geht, ist dieser Blog der Versuch meine und Eure Erfahrungen ein wenig leserlicher aufzuarbeiten.

Dass Thema Kinderwunsch ist für mich genauso ernst wie für Euch, trotzdem bemühe ich mich die Themen mit etwas Humor zu behandeln, damit mir derselbe nicht verloren geht. Schreibt mir bitte Kommentare und Themenwünsche; dieser Blog wird nur durch Euch wertvoll!

Eure Franka Fruchtig

Sonntag, 24. Juli 2011

Hormone on Tour

"Hab ich auch alles?" Ich bin noch müde aber wach genug um nervös zu sein. Vier Tage bin ich unterwegs. Dafür benötige vier Fertigspritzen Decapeptyl, 450 Einheiten GonalF, 150 Einheiten Merional, Folsäure und natürlich meine Viagra Zäpfchen! Die Fertigspritzen müssen gekühlt bleiben. Dazu habe ich sie in der letzten Minute aus dem Kühlschrank genommen, in Zeitungspapier eingewickelt und in meinem Handgepäck verstaut. Das Taxometer zeigt genau sieben Euro an, die Digitaluhr genau sieben Uhr. Diese Harmonie schwappt auf mich über und ich lehne mich zurück.

"Scheiße, hab' ich auch die Spritzen für das Merional eingepackt?" Panik. Ich wühle im dunklen Taxi in meinem schwarzen Rucksack nach den dringend benötigten Utensilien und finde nur drei mal den gleichen Kugelschreiber. Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich hatte ja die Spritzen in die Decapeptyl-Schachtel gestopft. Puh!

Heute ist Zyklustag eins, oder? Wann beginnt eigentlich genau die Regel? Gestern Abend hatte ich eine leichte Schmierblutung. Wäre ich vor dem Schlafen gehen nicht auf die Toilette gegangen, hätte ich es gar nicht gemerkt. Erst heute morgen hat sich die Periode deutlich angemeldet. Wenn heute schon Regeltag zwei wäre, müsste ich heute mit den Spritzen beginnen. Zweifel wühlen sich durch meinen Kopf. Warum hat mir das mein Frauenarzt oder meine Mama niemals genau erklärt? Ich will doch dieses mal alles richtig machen, aber der erste (oder zweite) Zyklustag riecht bereits nach Komplikationen.

Am Flughafen angekommen erwartet mich mein nächster persönliche Krimi. Bekomme ich die Hormone im Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle? Mein Deo, die Zahnpasta und das Shampoo habe ich brav in den 1-Literbeutel gepackt. Der Beutel, mein Laptop und mein Gürtel fahren gemächlich auf dem schwarzen Förderband der Röntgenkontrolle entgegen. Dahinter schließt sich mutig mein Rucksack mit den Hormonen an. Angespannt schreite ich durch den Metalldetektor, der natürlich piepst. Das macht er immer, wegen meines BHs und dem Metallknopf an meiner Jeans. Während eine rabiate Dame routiniert meinen Körper abtastet, sehe ich wie mein Rucksack im Röntgengerät verschwindet. Ich starre auf das Gesicht des Kontrolleurs am Bildschirm. Es bleibt ungerührt. Kein Augenzwinkern, kein Stirnrunzeln, keine Lippenzucken. Zehn Sekunden später nehme ich mein Gepäck in Empfang. Wir sind durch!

Die Stewardessen im Flieger sind sehr nett aber auf die Kühlung von Medikamenten nicht vorbereitet. Einen Kühlschrank gibt es im Flugzeug nicht, teilt man mir mit einem strahlenden Lächeln mit. "Ja, und jetzt?", frage ich. "Haben Sie kein Eis?" Doch, Eis hätten sie schon, und man könne die Medikamente ja in eine Plastiktüte mit Eis geben. "Ja, genau!" gebe ich zurück, als ich den letzten Pfennig des Groschens noch fallen höre.

Während des Fluges versuche ich ein wenig zu schlafen. Jedesmal kurz bevor ich einnicke, weckt mich der Gedanke auf, dass ich bloß die Medikamente nicht im Flugzeug vergessen darf. Entspannung sieht anders aus, aber die Medikament vergesse ich auf diese Weise nicht. Kurz vor der Landung bekomme ich sie von den charmanten Damen zurück, wickle sie in das Zeitungspapier und stopfe sie wieder in meinen Rucksack. Mein Sitznachbar schenkt mir einen mitleidigen Blick. Was denkt er wohl?

Als ich aus dem Flughafengebäude gehe, trifft mich der Schlag. Kairo im Juli bedeutet Hitze. Mit dem Gedanken an meine sensible Fracht, steuere ich direkt den Taxistand an. Türkischer Honig und Pyramiden-Magneten in den Souvenierläden müssen warten bis ich zurückkomme! Ich schwinge mich in ein Taxi und gebe die Adresse meines Hotels an. Google Maps verrät mir, dass es vom Cairo Internation Airport etwa 39 Kilometer bis zu Hotel sind. Das müsste doch in 30 Minuten zu schaffen sein.

Eine halbe Stunde später bin ich nicht im Hotel sondern stehe im Stau. Es geht weder vor noch zurück. "Es ist doch Sonntag." denke ich, aber dann fällt mir ein, dass Sonntag in Ägypten ein Werktag ist. Erst nach einer Stunde stehe ich an der Rezeption meines Hotels. Wieder warte ich. Der Minibar-Kühlschrank ist schon so nah, aber die Autorisierung meiner Kreditkarte ist bereits zum dritten Mal fehlgeschlagen. Ich lege den empörtesten Gesichtsausdruck aus meinem Repertoire auf und es funktioniert. Man gibt mir ein Zimmer und bittet mich die Autorisierung am Abend nach zu holen. Zirka sieben Stunden nachdem die Hormone ihr zu Hause verlassen haben, kann ich sie endlich in den sicheren Hafenkühlschrank einschiffen. Es ist geschafft! Ich lasse mich auf mein Bett fallen und jetzt erst sehe ich den bombastischen Ausblick aus meinem Fenster auf den Nil und über Kairo.

Fortsetzung: Der fliegende Teppich!

Donnerstag, 21. Juli 2011

Leichen im Kühlschrank

Heute ist Donnerstag, der 26te Zyklustag. Meine Periode hat zum Glück noch nicht eingesetzt, wie am Montag befürchtet. Diese Woche arbeite ich an den Vorbereitungen für Ägypten. Die Präsentationen sind fast fertig; nur mein Chef muss sie noch absegnen. Aus dem Ägypten-Reiseführer und dem Internet weiß ich die wichtigsten Dinge über Klima, Politik, Wirtschaft und Kultur. Es wird trocken-warm, die Revolution findet momentan auf dem Tahir-Platz statt und man sollte dort nicht hingehen, neben der Landwirtschaft verstärkt sich in den letzten Jahren der Tourismus und den konservativen Ägyptern gefällt das gar nicht, Männer können bis zu vier Frauen haben.

Früher fand ich es ungerecht, dass ein Mann in anderen Ländern mit mehreren Frauen Sex haben darf und eine Frau nicht. Mit unerfülltem Kinderwunsch bekommt dies eine neue Dimension: Kann eine Frau keine Kinder bekommen, nimmt der Mann sich einfach noch eine Frau dazu. Das ist praktisch und auch viel günstiger als eine unwürdige Kinderwunschbehandlung. Außerdem leben in Ägypten alle Frauen und deren Kinder unter einem Dach. Von wem welche Kinder sind, ist hinterher gar nicht so wichtig. Jeder kümmert sich um jeden. Das finde ich wiederum toll. So endet eine unfruchtbare Ägyptische Frau nicht einsam mit "Essen auf Rädern" in "betreutem Wohnen".

Am meisten beunruhigt mich die Tatsache, dass ich am Sonntag ausreichend Medikamente und Spritzen in gekühltem Zustand nach Ägypten transportieren muss. Wie stelle ich es an, die empfindlichen Hormone bei durchschnittlich 28,3 Grad Celsius (im Schatten!) bis in den Minibar-Kühlschrank des Hotels in Kairo zu bringen?

Im Moment schlummern die Medikamente im Kühlschrank in unserer Küche. Damit sie nicht zufällig entdeckt werden, habe ich sie in einer Plastiktüte ins Gemüsefach gelegt. Wie eine Leiche die man im Keller vergräbt. Als letztens eine Freundin zum Frühstück bei uns war, habe ich noch ein paar Karotten als zusätzliche Tarnung auf die Tüte gelegt. Nicht, dass sie auf die Idee kommt, es befinden sich vielleicht noch leckere Aufstriche im Gemüsefach! Die restlichen Medikamente liegen in meinem Kleiderschrank hinter einem Stapel T-Shirts die ich nur selten anziehe. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, der seinen Flachmann zu Hause vor seinem Partner verbirgt. Dieses Versteckspiel in den eigenen vier Wänden versaut irgendwie "Das Chi".

Fortsetzung: Hormone on Tour.

Samstag, 18. Juni 2011

Das Vorgespräch

Es ist Samstagmorgen 9:50 Uhr. Nervös renne ich durch unsere Wohnung und schiebe noch schnell eine Grünpflanze in den Hintergrund des Bildes, welches mein neuer österreichischer Kinderwunschdoktor in wenigen Minuten von uns sehen wird. Er heißt Prof. Dr. Kaiser, und versprüht damit ein wenig österreichischen K&K-Glanz. Ich bin stolz auf das Heimstudio, das ich aufgebaut habe. Im Vordergrund werden wir an unserem schönen Holztisch in der Küche sitzen. Unsere Unterlagen von früheren Bluttests liegen bereits darauf, neben den Verläufen der ersten drei ICSI-Behandlungen. Die Aktivboxen habe ich geschickt hinter dem Laptop versteckt, damit die schwarzen Kabel das Bild nicht stören. Die Kamera wird nur unsere Oberkörper übertragen, so sind wir prominent im Bild. Das schafft virtuelle Nähe! In einer Probeaufnahme von 9:35 Uhr heute morgen, sehen Noerd und ich mindestens so seriös aus wie Klaus Kleber und Gundula Gause im ZDF. Eine Liste von den Dingen, die ich klären möchte, habe ich aufgeschrieben. Die wichtigsten Fragen starten mit "Was kostet" und "Wie organisiert man am Besten". Ich denke, wir sind gut vorbereitet.

Um Punkt 10 Uhr wähle ich meinen neuen Skype-Kontakt an - den der Kinderwunschklinik in Österreich. Tuuuuut. Tuuuuuut. Das Gespräch wird von der Gegenseite angenommen. Eine Sekunde später sehe ich einen hellen Besprechungsraum mit einem weißen Tisch, einer weißen Wand, der weißen Artzthelferin (das muss Frau Schilcher sein) und einem weißen Prof. Dr. Kaiser, der gerade den Raum betritt. "Ich habe die richtige Nummer gewählt." geht es mir durch den Kopf. Sogar der Ton funktioniert, denn ich höre ein klinisch sauberes: "Guten Morgen Herr und Frau Fruchtig. Wie geht es Ihnen?"

Nach einer netten Aufwärmphase, lenkt Prof. Dr. Kaiser das Gespräch zielstrebig auf die bevorstehende Behandlung. Er erklärt mir die genaue Dosis der Hormone, die er mir verschreiben möchte und warum. Ich gebe ihm zusätzliche Details zu den Verläufen der letzten Behandlungen, die er sich interessiert anhört und die er in die Planung mit einbezieht. "Er nimmt mich ernst", denke ich während des Gesprächs und freue mich. Auch sonst fühle ich mich wohl, da ich alles verstehe was Prof. Dr. Kaiser uns erzählt.

Nachdem der medizinische Teil abgeschlossen ist, besprechen wir mit Frau Schilcher die nächsten Schritte. Wir bekommen heute noch einen Kostenvoranschlag geschickt, den wir bei unserer Krankenkasse einreichen können. Wenn das finanzielle Vorgehen geklärt ist, kann die Behandlung beginnen. Schließlich fragt Frau Schilcher ob mein TPHA-Wert in der letzten Zeit bestimmt worden ist. Das bedeutet so viel wie: "Leiden Sie unter einer Syphilis-Infektion?" und muss in Österreich vor Behandlungsbeginn geklärt sein. Da ich die Frage verneine, steht wohl auch noch ein Termin bei meinem Hausarzt an. Nach circa einer Stunde beenden wir das Videotelefonat. Zurück bleibt ein guter Eindruck einer modernen Klinik, das Gefühl einer Rest-Distanz, aber auch die Klarheit über die nächsten Schritte auf dem Weg zu unserem kaiserlich-königlichen Wunschkind.

Samstag, 5. Februar 2011

Panik

Es ist zwei Uhr morgens in der Nacht vom vierten auf den fünften Zyklustag. Ich wache mit einem Unwohlsein auf. Irgendetwas stimmt nicht. „Vielleicht reagiere ich schlecht auf die Medikamente“ überlege ich lautlos, während mein Adrenalinspiegel steigt. „Ich habe zwei unterschiedliche Hormonpräparate und fast eine doppelte Dosis bei dieser Behandlung verschrieben bekommen. Vielleicht ist das für meinen Körper einfach zu viel? Oder vielleicht vertrage ich die beiden Hormone in Kombination nicht gut?“ Mir wird ganz heiß bei diesen Gedanken, ich fange an zu schwitzen und schlage die Bettdecke etwas zurück.


Jetzt spüre ich einen drückenden Schmerz in der Nähe meines Herzens. „Das ist nicht gut!“, rast es mir durch den Kopf. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Menschen vor einem Herzinfarkt kein Stechen, sondern ein Drücken am Herzen fühlen. Ich kann mich nicht daran erinnern, schon mal so ein Drücken gespürt zu haben. Angst steigt in mir auf. Ich spüre das deutliche Pochen meines Herzens und durch meine düsteren Gedanken wird es immer lauter. Als ich merke, dass meine Atmung hektisch wird, schlage ich die Augen auf, richte mich etwas auf und schaue nach links. Mein Süßer liegt neben mir und schläft ruhig. Ich überlege, ob ich ihn wecken soll, entscheide mich aber dagegen.


Im letzten Jahr hatte ich zum ersten Mal eine Panikattacke. Es passierte kurz nach dem ich das negative Ergebnis unserer ersten ICSI mitgeteilt bekommen hatte. Ausgerechnet in dieser Nacht hatte ich bei einer Freundin geschlafen. Ich wachte auf, fühlte ein Kribbeln in Armen und Beinen das immer stärker wurde und bekam Angst. Durch die Angst stieg mein Blutdruck und das Kribbeln wurde noch schlimmer. In dieser Spirale bekam ich Todesangst, weckte meine Freundin und ließ den Notarzt rufen. Der Arzt stellte einen Blutdruck von 185 fest und einen zu niedrigen Kaliumwert im Blut, das vom zu häufigen, tiefen Atmen kam. Er gab mir eine Schlaf- bzw. Beruhigungstablette und tatsächlich wurde ich ruhiger und wieder müde. Er fragte mich, ob ich seelische Probleme hätte und empfahl mir mal mit einem Psychiater zu sprechen. Diese Sitzung lässt bis heute auf sich warten.


Mittlerweise sitze ich aufrecht im Bett. Es wird mir klar, dass ich wieder eine Panikattacke habe. Es könnte also sein, dass meine Beschwerden von meiner Angst kommen. Wenn ich es schaffe, mich selbst auf anderen Gedanken zu bringen, kann ich dann weiterschlafen? Kann Engelchen dem Täufelchen die Tour vermasseln? Kann mein Verstand gegen meine Angst siegen? Ich muss es versuchen. Zunächst konzentriere ich mich auf meine Atmung und versuche ein paar Minuten kontrolliert und langsam in den Bauch zu atmen. Dann greift meine Hand automatisch zu meinem Telefon.


Neuerdings kann ich meinen Blog und Facebook auch von meinem Telefon aus abrufen. Die Vodafone Mobile Flat macht's möglich. Ein paar von Euch haben an meine Pinnwand geschrieben und meine Statistikseite zeigt unglaubliche 13.000 Seitenaufrufe an. Es gibt ein paar neue Kommentare auf meinem Blog, die mich aufmuntern und die ich nacheinander verschlinge. Ein Eintrag gefällt mir besonders:"... ich bin froh, dass es jemand gibt, der mir aus dem Herzen spricht. Man fühlt sich nicht mehr so einsam." Nach zwanzig Minuten lege ich mein Telefon zur Seite. "Ich muss auch über meine Panikattacke schreiben." In Gedanken an die ersten Formulierungen schlafe ich ein. Engelchen hat gesiegt!


Fortsetzung

Donnerstag, 3. Februar 2011

Pharmazeutisches Freudenhaus

Am Morgen des dritten Zyklustages stehe ich in der Apotheke mit der stratisch guten Lage gegenüber der Kinderwunschklinik. Die Apothekerin grüßt mich freundlich und ich grüße freundlich zurück. Dann schiebe ich ihr wortlos mein Rezept über die Theke. Was soll ich auch sagen? Glücksbringer StorchWenn sie sieht, was auf meinem Rezept steht, weiß sie sowieso alles über mich. Während sie meine Hormonpräparate zusammensucht, schaue ich mich um. Neben mir wird eine andere Kinderwunsch-Patientin bedient. Ich erkenne es daran, weil sie die gleichen Hormonpackungen bekommt wie ich. Es ist ihr erster Versuch, denn als die Apothekerin sie fragt, ob sie schon den Glücksbringer hat, den hier alle Damen von gegenüber beim ersten Großeinkauf bekommen, verneint sie.

Einen Moment lang denke ich, ich sollte sie ansprechen. Es könnte eine von Euch sein, eine meiner treuen Leserinnen oder einfach eine Frau, die jemand zum Reden braucht, wie ich. Ich kam nicht dazu eine Apotheken-Freundschaften zu schließen, denn die Rechnung, die ich für meine Hormone präsentiert bekam, holte mich unsanft aus meinem Tagtraum zurück. Ich kontrollierte die Rechnung, aber der Betrag stimmte. Mein Doktor hatte zwar am Vortag mit mir besprochen, dass ich bei diesem Versuch zwei verschiedene Hormone und auch eine höhere Dosis bekommen soll, dass dies jedoch auch eine höhere Dosis Kapitaleinlage bedeutete, wurde mir erst in diesem Moment klar. Ich schluckte und schaute die Apothekerin nur an.

Um die starre Situation aufzulockern, schenkte sie mir ein Wärmekissen und mehrere Probierpackungen Biogummibärchen, denn den Glücksbringer hatte ich ja schon. Sie hatte wohl Erfahrung auf diesem Gebiet. Die Geschenke schütteten ein paar Glückhormone in meinem Hirn aus (ganz umsonst!) und beruhigten mich. "Bei diesem Betrag müssten doch eigentlich noch ein paar Proben teurer Augenfaltencremes drin sein", dachte ich, zahlte aber schließlich und verließ arm das pharmazeutische Freudenhaus.

Weiter

Mittwoch, 2. Februar 2011

Der letzte Versuch

Der Titel klingt dramatisch. Ich hätte den Artikel auch "Der dritte Versuch" nennen können. Gleichzeitig ist dies aber verdammt noch mal der letzte Versuch, den die Krankenkasse übernimmt. Und das ist dramatisch! Natürlich gibt es noch die Möglichkeit danach eine Behandlung komplett privat zu bezahlen und vielleicht nach Österreich fahren. In Österreich herrscht wohl ein wahrer ICSI-Tourismus, weil dort die Gesetzeslage für künstliche Befruchtung etwas lockerer ist. Dort kann man unter den gezeugten Embryonen die besten heraussuchen (selektieren), länger kultivieren und dann erst einsetzen. Damit steigen die Erfolgschancen um...

Stopp! Versuche ich gerade darüber nachzudenken, was ich machen könnte, wenn dieser Versuch nicht klappt? Was ist denn das für eine Einstellung? Was für ein negatives Karma? Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass der Körper dem Gehirn und seinen Gedanken folgt. Wenn ich denke: "Ich müsste eigentlich weniger Süßigkeiten essen.", dann versteht mein Gehirn nur "müsste" und "eigentlich" und das ist so unverbindlich, dass mein Gehirn den Gedanken ablegt, als hätte er nichts mit mir zu tun. Wenn ich aber sage: "Ich werde ab sofort keine Süßigkeiten mehr essen." dann ist das so klar und konkret, dass mein Gehirn etwas damit anfangen kann.

Also. Ich muss mich konzentrieren. Was will ich? Was sage ich meinem Hirn und damit meinem Körper?

So, jetzt hab ich's: "Dieses mal klappt's!"

Schon besser!

Heute ist der zweite Zyklustag. Gestern hat meine Blutung eingesetzt. Ich war fünf Tage überfällig und hatte auf ein Wunder gehofft. Der letzte Monat war fremdhormonfrei. Wir hatten es einfach zur richtigen Zeit noch mal auf natürliche Weise probiert. Sogar zwei Mal! Als die Regel dann tatsächlich zwei Tage ausblieb, war ich aufgeregt und machte einen Schwangerschaftstest. Wie immer in meinem Leben, zeigte das Teststäbchen auch dieses mal wieder "nicht schwanger" an. Allerdings zum ersten mal auf einer Digitalanzeige! Toll? In der Gebrauchsanweisung steht, das weiß ich auswendig, dass man einfach zwei bis drei Tage später noch mal einen Test machen soll. Am Morgen des fünften Tages, also gestern, als ich schon einen neuen Schwangerschaftstest bereitgelegt hatte, setzte dann doch die Blutung ein. Abgeklärt und routiniert machte ich mir daraufhin einen Termin in der Kinderwunschklinik für den ersten Ultraschall.

Ich bekam einen Termin für den nächsten Tag um 18:30 Uhr abends. Eine ungewöhnliche Zeit, denn sonst gehe ich immer morgens vor der Arbeit hin. Als mein Mann die Uhrzeit des Termins hörte, sagte er spontan: "Soll ich mitkommen?" "Klar, gerne!" antwortete ich ihm und freute mich darüber, dass er den Vorschlag gemacht hatte.

So fand ich mich also heute - untenherum nackt - auf den Gynäkologenstuhl wieder, mit zwei Männern meines Vertrauens im Raum. Der eine tastete geschickt mit dem Ultraschallstab meine Eierstöcke ab. Der andere klebte mit seinen Augen fasziniert auf den Schwarz-Weiß-Fernsehbildern meines Gebärapparats. Mein netter Arzt befand alles für in Ordnung. Am linken Eierstock sah man deutlich, dass dort ein paar Follikel auf ein stimulierendes Hormon warteten, an keinem der beiden Eierstöcke waren Zysten zu sehen und die Gebärmutterschleimhaut hatte sich "schön" abgebaut. Also drückte er mir ein Hormonrezept in die Hand sowie meinen Behandlungsplan und ganz plötzlich war ich wieder mitten drin in einer ICSI-Behandlung...

Als wir das Behandlungszimmer verließen, sagte mein Süßer nur: "Das nächste Mal schau ich aber da unten wieder nach dem Rechten!" und hatte den Gesichtsausdruck von einem Tennisprofi, dem der Schiedsrichter gerade kurz den Ball weggenommen hatte.

Fortsetzung

Freitag, 22. Oktober 2010

Zeichen oder Einbildung?

Am Zyklustag zweiundzwanzig fällt mir zum ersten mal bewusst auf, dass meine Brüste spannen. Das ist unüberfühlbar! Auch sonst könnte ich platzen; nicht nur an den Brüsten sondern auch am Bauch. Kommt das von den Medikamenten? Mir ist klar, dass die Hormone mir vorspielen, ich sei bereits schwanger. Aber würden davon auch die Brüste spannen? Die Kinderwunsch- und Schwangerschaftsforen sind mittlerweile zu meinem täglichen Begleiter geworden und so stöbere ich nach Beiträgen zu 'Brust', 'Spannen' und 'Frühschwangerschaft'. Meine Suche endet mit folgendem Ergebnis: Es gibt genug Erklärungen dafür, dass ich schwanger bin und auch genug dagegen. Der Wunsch meines Herzens nach einer positiven Antwort wird jedes mal jäh von meinem rationalen Hirn zurückgewiesen. Nur der Bluttest am neunundzwanzigsten Zyklustag kann ein eindeutiges Ergebnis liefern kann. Bis zum Bluttest sind es noch sieben Tage. Sieben Tage!

Weil ich mich irgendwie ablenken muss, besuche ich am Abend meine Schwester. Da wir beide Hunger haben, schlage ich vor, eine leckere Türkische Pizza bei dem Schnellrestaurants unseres Vertrauens zu besorgen. Kurz überlege ich, ob dies auch die richtige Nahrung für eine Schwangere ist, komme schnell zu einem positiven Ergebnis, weil mir bei dem Gedanken an die ganzen Ballaststoffe und die viele Vitamine schon das Wasser im Mund zusammenläuft. In der Imbisbude angekommen, gebe ich erst meine Bestellung ab und habe dann Zeit mich umzuschauen. Neben der Salattheke sitzt eine Mutter beim Kinderwagen und füttert ihr Kleinkind mit Dönerzutaten. "Die Kleine ist schon alles! Döner, Türkische Pizza, sogar Tsatsiki.", erklärt mir der Mann hinter der Theke, der mein Essen zubereitet. "Aha!", denke ich, "die beiden gehören zusammen." Der Mann, der vor mir zwei Hähnchendöner bestellt hat, sagt, "Meine sind ein und drei Jahre alt und sie lieben Eure Döner." Beide Männer lachen laut. Dann kommt es faust dick für mich: "Und Sie, haben Sie auch Kinder?" fragt mich der Mann hinter der Mann hinter der Theke. Nun sind alle Augen auf mich gerichtet.

Ich hasse diese Situation. Sie kommt viel zu oft vor. Was soll ich sagen? "Nein, ich habe (noch) keine Kinder." Damit bekommt man immer den misstrauischen Blick und die Leute scheinen zu denken: "Aha, egoistisches Karriereweib. Die will sich wohl selbst verwirklichen.", oder etwas simpler: "Na, Mädchen, denk dran, Deine Uhr tickt!", oder "Die hat vielleicht keinen abbekommen, irgendwas stimmt mit der nicht." Vielleicht sind aber auch Leidengenossen mit fortgeschrittenem Kinderwunsch unter den Imbisbudenbesuchern und sie denken: "Liegt es an ihr oder an ihm?"
Uahhhh!


Da sicherlich keiner die Wahrheit hören will, sage ich schließlich, "Es ist grade ein Baby unterwegs!" und füge gequält lächelnd hinzu: "Ich weiß noch nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird." In diesem Moment beschließe ich nie wieder in dieses anti-infertilistische Schnellrestaurant zu gehen.

Als meine Türkischen Pizzen fertig sind und ich gerade durch die Tür ins Freie flüchten will, merke ich ein kurzes Ziehen in meinen Unterbauch. Ich vergesse alles um mich herum, denke mit mütterlicher Sorge an meinen Uterus und frage: "Ihr liebsten Kleinen, seid ihr noch da?"

(Fortsetzung: TF+8)

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Spritz-Routine

Heute ist der sechste Zyklustag. Jeden Morgen spritze ich mein follikelstimulierendes Hormon. Ich bin fast ein Profi. Das Zusammenmischen von Pulver und Wasser sowie das Aufziehen der Spritze funktionieren einwandfrei. Nach dem Spritzen brennt es meist ein wenig an der Einstichstelle aber meinem Bauch sieht man die Behandlung nicht an. Nur einmal habe ich wohl ein kleines Äderchen erwischt. Es kam ein Minitropfen Blut aus dem Einstichsloch und am nächsten Tag entdeckte ich an dieser Stelle einen kleinen blauen Fleck.

Körperlich Fühle ich mich wohl. Ich merke nichts von der Wirkung der Hormone und bin so ausgeglichen wie vorher. In zwei Tagen, gehe ich wieder zur Kinderwunschklinik. Es wird noch mal ein Ultraschall gemacht um zu schauen, ob ich die richtige Dosis Hormone bekomme. Ich bin gut drauf! Kinderkriegen scheint auf einmal ganz einfach zu sein.

(Fortsetzung: Der zweite Ultraschall)

Sonntag, 3. Oktober 2010

Der erste Ultraschall

Am dritten Zyklustag sitze ich pünktlich um 8 Uhr im Wartezimmer der Kinderwunschklinik. Man sitzt dort zusammen mit lauter Nichtschwangeren. Mit ein wenig Unverständnis beäuge ich die Mütter mit Kindern, die auch im Warteraum sitzen. Was wollen die denn hier? Ich weiß nicht, ob mich die Anwesenheit der Kleinkinder erfreuen oder belästigen soll. Sind die Racker vielleicht das Produkt einer künstlichen Befruchtung gewesen? Ich werde es wohl nie erfahren, schließlich spricht man hier nicht miteinander.

Ein "Franka Fruchtig, bitte!" reißt mich aus meinen Gedanken. Ich bin dran! Der Doktor und seine Assistentin sind echt sympathisch. So was finde ich wichtig. Ich will kein Kind von jemandem bekommen, den ich nicht leiden kann. Der Ultraschall verläuft gut. Beide Eierstöcke sind ohne Zysten. Das ist offenbar wichtig für die bevorstehende Hormonbehandlung.

Der Doc spricht mit mir den weiteren Behandlungsverlauf durch. Ich bekomme ein Rezept und muss noch am gleichen Tag mit den täglichen Hormonspritzen beginnen. Die Spritzen bewirken, dass sich in diesem Zyklus mehrere Follikel in beiden Eierstöcken bilden. Normalerweise wächst pro Zyklus nur ein Follikel heran. Mit diesen Informationen entlässt mich der Doc.

Die Apotheke, die alle Hormonpräparate lagernd hat, liegt direkt gegenüber. Das nenne ich einen strategisch guten Standort! Ich kaufe die Hormonspritzen auf Rezept. Trotzdem sind sie teuer. Ich verabschiede mich von ein paar hundert Euro, bekomme aber auch einen Stofftierstorch - der persönliche Schwangerschafts-Glücksbringer der Apotheke meines Vertrauens. Ich gehe noch mal zur Klinik zurück. Die Assistentin hilft mir beim Setzen der ersten Spritze. Ich vermische Hormonpulver mit Wasser, klopfe die Luftbläschen aus der Spritze, forme eine Bauchfalte, desinfiziere sie mit einem Alkoholtupfer, steche zu, schiebe langsam den teuren Hormoncocktail in mich, ziehe die Nadel aus mir, und wische den kleinen Tropfen vom Einstichsloch ab. Fertig! Ok, habe ich soweit verstanden. Den restlichen Tag kann ich ganz normal weiterleben. Toll!

(Fortsetzung:Spritz-Routine)