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Freitag, 29. Oktober 2010

Das Ergebnis

Der neunundzwanzigste Zyklustag* beginnt um fünf Uhr morgens, denn ich wache mitten in der Nacht nach einem unruhigen Traum auf. Normalerweise schlafe ich durch. Das macht mir bewusst, wie sehr mich die ganze Sache mitnimmt. Wahrscheinlich habe ich von einem negativen Ergebnis geträumt.

Um acht Uhr morgens sitze ich wieder im Wartezimmer der Kinderwunschklinik. Ich habe aufgehört mir die anderen Patienten anzuschauen, sondern stürze mich direkt auf die Gala. Wenn man morgens vor 9 Uhr zur Blutabnahme geht, bekommt man das Ergebnis noch am gleichen Tag. Als ich drankomme, fragt die nette Assistentin: "Sie kommen heute zum Schwangerschafttest, nicht wahr?" und wirft mir ein verheißungsvolles Lächeln zu. "Ja, genau." gebe ich zögerlich zurück. Mein Gefühl ist nicht so verheißungsvoll. Die Blutabnahme ist schon zur Routine geworden. Ich gebe noch schnell meine Telefonnummer ab, unter der ich zu erreichen bin, wenn das Ergebnis feststeht und gehe erstmal arbeiten.

In den nächsten zwei Stunden beantworte ich meine Emails. Es sind die letzten ruhigen Stunden an diesem Tag. Gegen zwölf Uhr werde ich nervös, weil der Anruf der Kinderwunschklinik nun jeden Moment kommen kann. Ich hoffe, dass ich nicht in einem Meeting sitze oder ein Kollege mich in ein Gespräch verwickelt, wenn das Telefon klingelt. Zwei Stunden lang starre ich auf mein Handy und erwarte, dass 'Unbekannter Anrufer' auf dem Display erscheint. Nichts. Jetzt muss ich zu einem Termin. Ich lasse mein Handy einfach auf dem Schreibtisch liegen und gehe los. Wenn ich angerufen werde, sehe ich das schließlich hinterher und kann dann einfach zurückrufen. Als ich nach dem Termin auf mein Telefon schaue, hat es immernoch keinen 'Anruf in Abwesenheit' registriert. Um vier Uhr beschließe ich selbst in der Kinderwunschklinik anzurufen.

Ich suche mir ein ruhiges Büro und wähle die Nummer der Kinderwunschklinik.
"Kinderwunschklinik. Was kann ich für Sie tun?"
"Hallo, mein Name ist Franka Fruchtig. Ich war heute Morgen bei der Blutabnahme für den Schwangerschaftstest und wollte fragen ob Sie schon die Ergebnisse haben?". Ich merke, dass ich völlig kurzatmig bin und versuche tief Luft zu holen.
"Einen Moment bitte, ich schaue kurz nach. Wie ist ihr Geburtsdatum?"
"Erster Januar 1972." sage ich knapp. Es knackt in der Leitung. Die Dame von der Kinderwunschklinik hat mich wohl auf lautlos gestellt. Dann ist sie wieder da.
"So, ich habe nachgeschaut. Das Testergebnis ist leider negativ."
Ich sage nichts.
"Tut mir leid, Frau Fruchtig."
Mein Gehirn scheint leer zu sein. Mein Herz pocht. Als könnte ich ihr doch noch ein "positiv" entlocken, oder als könnte die Dame mir helfen mit der Situation umzugehen, frage ich sie: "Und was soll ich jetzt machen?"
"Haben Sie denn noch Embryonen eingefroren?"
"Ja", sage ich.
"Dann setzen Sie bitte jetzt die Medikamente ab. Wenn Ihre Blutung einsetzt, machen Sie sich einfach einen Termin für einen Ultraschall. Vielleicht können Sie es gleich im nächsten Zyklus noch mal versuchen." Die Dame ist ruhig und einfühlsam, aber ich hasse sie in diesem Moment.
Ich bringe nur einen Räuspern hervor.
Die Dame von der Kinderwunschklinik verabschiedet sich höflich, legt auf und macht Ihren Job weiter. Ich lege auf und eine Welt bricht zusammen.


*Es tut mir leid, ich habe mich bei Berechnung der Tage vertan. Der Bluttest war eigentlich am 30 Zyklustag. Er wird in der Regel vierzehn Tage nach dem Transfer gemacht.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Einbildung und Ausreden

Der siebenundzwanzigste Zyklustag scheint so zu beginnen, wie der sechsundzwanzigste aufgehört hat: ohne Brustspannen. Im Gegensatz zu gestern, als ich übermäßig oft auf die Toilette gerannt bin, packe ich mir heute ständig an die Brust. Ja klar, es drückt ein wenig, wenn ich mir an die Brust greife, aber ist es noch das klare Brustspannen von vorgestern?

Erschwerend kommt hinzu, dass ich im Büro sitze. Ich kann mir nicht so oft an die Brust greifen wie ich möchte. Ich zu gerne mal meine Brustwarzenfarbe kontrollieren. Ist die eigentlich noch so dunkel wie vorgestern? Als mein Kollege, der neben mir sitzt zu einem Termin verschwindet, nehme ich die günstige Gelegenheit wahr. Ich greife in meine Bluse, schiebe meine Brust hoch und kontrolliere deren Warze und Hof. Hmmm. Mein Hirn sagt mir, dass die Brustwarze eigentlich ganz normal aussieht, aber mein Herz redet mir ein, dass dort immer noch braune Flecken auf dem Brustwarzenhof sind. Waren diese dunklen Stellen die letzten 38 Jahre schon da? Ich komme zu keinem Ergebnis, ermahne mich selbst, einfach den Bluttest in zwei Tagen abzuwarten und knöpfe meine Bluse wieder zu.

Obwohl die Sache mit den Brüsten mich stutzig macht, denke ich positiv. Schließlich hat meine Periode noch nicht eingesetzt und es fühlt sich auch nicht so an, als würde sich das heute noch ändern. Ein Ziehen im Unterbauch hatte ich in den letzten Tagen nicht mehr. Ich habe aufgegeben in den Foren danach zu suchen, was das bedeuten könnte. Es kann immer alles heißen.

Am Abend treffen wir uns mit Nachbarn. Normalerweise bringen wir zu diesem netten Beisammensein einen leckeren Wein mit. Eine Stunde vor dem Treffen überlege ich mir schon, was ich heute als Ausrede für meine Alkoholabstinenz benutzen kann. "Ich muss noch fahren." ist bei Besuchen in der Nachbarschaft eher schlecht. "Ich habe heute schon genug getrunken." passt nur, wenn man am Wochenende ausgeht, würde ich aber nie bei meinen Eltern einsetzen. "Ich nehme Antibiotika und darf daher keinen Alkohol trinken." funktioniert ganz gut bei Leuten, die mich nicht so gut kennen. Freunde würden allerdings nachhaken, denn ich bin noch nie in meinem Leben so krank gewesen, dass mir ein Arzt ein Antibiotikum verschrieben hätte. Ich würde so gerne sagen:" Ich bin vielleicht schwanger. Ist das nicht aufregend? Deshalb möchte ich keinen Alkohol trinken." Ich muss allerdings damit rechnen, dass die Nachbarin in zwei Wochen nachfragt ob es geklappt hat. Darauf kann ich wirklich verzichten, sollte der Bluttest negativ ausfallen. Als wir schließlich bei den Nachbarn im gemütlichen Wohnzimmer sitzen, entscheide ich mich spontan für: "Danke, für mich heute keinen Rotwein, mein Magen kann die Säure im Moment nicht vertragen." Trotz dieser Lüge, wird es ein herzlicher und fröhlicher Abend.

Freitag, 22. Oktober 2010

Zeichen oder Einbildung?

Am Zyklustag zweiundzwanzig fällt mir zum ersten mal bewusst auf, dass meine Brüste spannen. Das ist unüberfühlbar! Auch sonst könnte ich platzen; nicht nur an den Brüsten sondern auch am Bauch. Kommt das von den Medikamenten? Mir ist klar, dass die Hormone mir vorspielen, ich sei bereits schwanger. Aber würden davon auch die Brüste spannen? Die Kinderwunsch- und Schwangerschaftsforen sind mittlerweile zu meinem täglichen Begleiter geworden und so stöbere ich nach Beiträgen zu 'Brust', 'Spannen' und 'Frühschwangerschaft'. Meine Suche endet mit folgendem Ergebnis: Es gibt genug Erklärungen dafür, dass ich schwanger bin und auch genug dagegen. Der Wunsch meines Herzens nach einer positiven Antwort wird jedes mal jäh von meinem rationalen Hirn zurückgewiesen. Nur der Bluttest am neunundzwanzigsten Zyklustag kann ein eindeutiges Ergebnis liefern kann. Bis zum Bluttest sind es noch sieben Tage. Sieben Tage!

Weil ich mich irgendwie ablenken muss, besuche ich am Abend meine Schwester. Da wir beide Hunger haben, schlage ich vor, eine leckere Türkische Pizza bei dem Schnellrestaurants unseres Vertrauens zu besorgen. Kurz überlege ich, ob dies auch die richtige Nahrung für eine Schwangere ist, komme schnell zu einem positiven Ergebnis, weil mir bei dem Gedanken an die ganzen Ballaststoffe und die viele Vitamine schon das Wasser im Mund zusammenläuft. In der Imbisbude angekommen, gebe ich erst meine Bestellung ab und habe dann Zeit mich umzuschauen. Neben der Salattheke sitzt eine Mutter beim Kinderwagen und füttert ihr Kleinkind mit Dönerzutaten. "Die Kleine ist schon alles! Döner, Türkische Pizza, sogar Tsatsiki.", erklärt mir der Mann hinter der Theke, der mein Essen zubereitet. "Aha!", denke ich, "die beiden gehören zusammen." Der Mann, der vor mir zwei Hähnchendöner bestellt hat, sagt, "Meine sind ein und drei Jahre alt und sie lieben Eure Döner." Beide Männer lachen laut. Dann kommt es faust dick für mich: "Und Sie, haben Sie auch Kinder?" fragt mich der Mann hinter der Mann hinter der Theke. Nun sind alle Augen auf mich gerichtet.

Ich hasse diese Situation. Sie kommt viel zu oft vor. Was soll ich sagen? "Nein, ich habe (noch) keine Kinder." Damit bekommt man immer den misstrauischen Blick und die Leute scheinen zu denken: "Aha, egoistisches Karriereweib. Die will sich wohl selbst verwirklichen.", oder etwas simpler: "Na, Mädchen, denk dran, Deine Uhr tickt!", oder "Die hat vielleicht keinen abbekommen, irgendwas stimmt mit der nicht." Vielleicht sind aber auch Leidengenossen mit fortgeschrittenem Kinderwunsch unter den Imbisbudenbesuchern und sie denken: "Liegt es an ihr oder an ihm?"
Uahhhh!


Da sicherlich keiner die Wahrheit hören will, sage ich schließlich, "Es ist grade ein Baby unterwegs!" und füge gequält lächelnd hinzu: "Ich weiß noch nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird." In diesem Moment beschließe ich nie wieder in dieses anti-infertilistische Schnellrestaurant zu gehen.

Als meine Türkischen Pizzen fertig sind und ich gerade durch die Tür ins Freie flüchten will, merke ich ein kurzes Ziehen in meinen Unterbauch. Ich vergesse alles um mich herum, denke mit mütterlicher Sorge an meinen Uterus und frage: "Ihr liebsten Kleinen, seid ihr noch da?"

(Fortsetzung: TF+8)

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Das Geschäftliche

Heute ist der einundzwanzigste Zyklustag. Seit meinem Transfer sind erst zwei Werktage vergangen. Trotzdem finde ich heute Morgen bereits die Abrechnung der Kinderwunschklinik im Briefkasten vor. "Die sind ja ganz schön schnell.", denke ich mir. Die Rechnungen müssen am Tag des Transfers oder am nächsten Tag rausgeschickt worden sein. Das Lächeln des Doktors bekommt plötzlich einen bitteren Beigeschmack. Fünf Rechnungen liegen auf unserem Küchentisch, die wir zwar alle erwartet haben, die aber alle auf einmal mehr ausmachen, als unser Konto momentan verkraften kann. Jetzt erinnere ich mich erst bewusst daran, dass ich für alle Behandlungen am Tag der Punktion unterschrieben habe. Die ICSI-Behandlung, das Einfrieren, das Assisted Hatching, und zwei Bluttests. 

Ich hatte es die letzten drei Wochen ignoriert, dass die Kinderwunsch-Behandlung nicht nur eine emotionale Belastung wird, sondern auch eine finanzielle. Die teuren Hormone haben unser Konto bereits leer gefegt und da der Monat leider auch dieses mal vier lange Wochen hat, kommt erst nächste Woche 'frisches' Geld. Kleine Sorgenfalten legen sich auf mein Gesicht. Ich lasse die Rechnungen zu denen vom Schreiner und von der Stadt segeln, die mir einen Strafzettel fürs Falschparken verpasst hat, und hoffe, dass das nächste Gehalt auf wundersame Weise höher ausfällt als sonst.

Als ich mich gerade vom Rechnungsstapel wegdrehe, spüre ich ein ganz leichtes Zucken im Unterbauch.
"Was war das denn? Kenne ich dieses Gefühl schon?"
Nein, an ein solches Zucken in der Nähe der Gebärmutter kann ich mich nicht erinnern und mit dem Ziehen vor oder während der Regelblutung hatte dies keine Ähnlichkeit. Ich logge mich auf meinem Rechner ein und durchstöbere das Internet. Es ist unglaublich schwer, die richtigen Suchbegriffe zu finden. 'Zucken', 'Ziehen' und 'Schwangerschaft', liefert eine unbefriedigende Trefferliste für die Schwangerschaftswochen fünf und später. Was, zum Teufel, könnte man denn in Woche drei und vier spüren?

Dann endlich finde ich eine Erklärung, die sich plausibel anhört: "Die Gebärmutter weitet sich in der Frühschwangerschaft aus. Dies nehmen manche Frauen als Ziehen oder Zucken im Unterbauch wahr." "Das muss es sein!", denke ich und mein Herz schlägt schneller. "In den ersten Tagen wird das Geschlecht, Haar- und Augenfarbe festgelegt", lese ich weiter. Ich überlege, ob das Kind eher nach meinem Mann oder mir kommen würde und wie es wohl aussähe. Ich zwinge mich dazu diese Gedanken wieder zu verwerfen, denn ich weiß, diese Bilder vom süßen Nachwuchs treiben einen zur Verzweiflung, wenn der Schwangerschaftstest dann negativ ausfällt. Bis zum Bluttest sind es noch acht Tage. Eine gefühlte Ewigkeit!

(Fortsetzung: Zeichen oder Einbildung)