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Mittwoch, 2. Februar 2011

Der letzte Versuch

Der Titel klingt dramatisch. Ich hätte den Artikel auch "Der dritte Versuch" nennen können. Gleichzeitig ist dies aber verdammt noch mal der letzte Versuch, den die Krankenkasse übernimmt. Und das ist dramatisch! Natürlich gibt es noch die Möglichkeit danach eine Behandlung komplett privat zu bezahlen und vielleicht nach Österreich fahren. In Österreich herrscht wohl ein wahrer ICSI-Tourismus, weil dort die Gesetzeslage für künstliche Befruchtung etwas lockerer ist. Dort kann man unter den gezeugten Embryonen die besten heraussuchen (selektieren), länger kultivieren und dann erst einsetzen. Damit steigen die Erfolgschancen um...

Stopp! Versuche ich gerade darüber nachzudenken, was ich machen könnte, wenn dieser Versuch nicht klappt? Was ist denn das für eine Einstellung? Was für ein negatives Karma? Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass der Körper dem Gehirn und seinen Gedanken folgt. Wenn ich denke: "Ich müsste eigentlich weniger Süßigkeiten essen.", dann versteht mein Gehirn nur "müsste" und "eigentlich" und das ist so unverbindlich, dass mein Gehirn den Gedanken ablegt, als hätte er nichts mit mir zu tun. Wenn ich aber sage: "Ich werde ab sofort keine Süßigkeiten mehr essen." dann ist das so klar und konkret, dass mein Gehirn etwas damit anfangen kann.

Also. Ich muss mich konzentrieren. Was will ich? Was sage ich meinem Hirn und damit meinem Körper?

So, jetzt hab ich's: "Dieses mal klappt's!"

Schon besser!

Heute ist der zweite Zyklustag. Gestern hat meine Blutung eingesetzt. Ich war fünf Tage überfällig und hatte auf ein Wunder gehofft. Der letzte Monat war fremdhormonfrei. Wir hatten es einfach zur richtigen Zeit noch mal auf natürliche Weise probiert. Sogar zwei Mal! Als die Regel dann tatsächlich zwei Tage ausblieb, war ich aufgeregt und machte einen Schwangerschaftstest. Wie immer in meinem Leben, zeigte das Teststäbchen auch dieses mal wieder "nicht schwanger" an. Allerdings zum ersten mal auf einer Digitalanzeige! Toll? In der Gebrauchsanweisung steht, das weiß ich auswendig, dass man einfach zwei bis drei Tage später noch mal einen Test machen soll. Am Morgen des fünften Tages, also gestern, als ich schon einen neuen Schwangerschaftstest bereitgelegt hatte, setzte dann doch die Blutung ein. Abgeklärt und routiniert machte ich mir daraufhin einen Termin in der Kinderwunschklinik für den ersten Ultraschall.

Ich bekam einen Termin für den nächsten Tag um 18:30 Uhr abends. Eine ungewöhnliche Zeit, denn sonst gehe ich immer morgens vor der Arbeit hin. Als mein Mann die Uhrzeit des Termins hörte, sagte er spontan: "Soll ich mitkommen?" "Klar, gerne!" antwortete ich ihm und freute mich darüber, dass er den Vorschlag gemacht hatte.

So fand ich mich also heute - untenherum nackt - auf den Gynäkologenstuhl wieder, mit zwei Männern meines Vertrauens im Raum. Der eine tastete geschickt mit dem Ultraschallstab meine Eierstöcke ab. Der andere klebte mit seinen Augen fasziniert auf den Schwarz-Weiß-Fernsehbildern meines Gebärapparats. Mein netter Arzt befand alles für in Ordnung. Am linken Eierstock sah man deutlich, dass dort ein paar Follikel auf ein stimulierendes Hormon warteten, an keinem der beiden Eierstöcke waren Zysten zu sehen und die Gebärmutterschleimhaut hatte sich "schön" abgebaut. Also drückte er mir ein Hormonrezept in die Hand sowie meinen Behandlungsplan und ganz plötzlich war ich wieder mitten drin in einer ICSI-Behandlung...

Als wir das Behandlungszimmer verließen, sagte mein Süßer nur: "Das nächste Mal schau ich aber da unten wieder nach dem Rechten!" und hatte den Gesichtsausdruck von einem Tennisprofi, dem der Schiedsrichter gerade kurz den Ball weggenommen hatte.

Fortsetzung

Freitag, 29. Oktober 2010

Der Schmerz

Die letzten zwei Stunden bis zum Feierabend verbringe ich still. Innerlich bin ich leer. In dem Moment, in dem ich das Bürogebäude verlasse, läuft mir schon die erste Träne über mein Gesicht. Meinen Mann habe ich direkt nach dem Gespräch mit der Kinderwunschklinik angerufen. Er hat gesagt, es tut ihm leid. Aber ich glaube nicht, dass er so leidet wie ich. Ich könnte ihn anschreien, wäre er jetzt hier. Ich fühle mich so allein.

Wie automatisiert setzte ich mich in meinen Wagen und starte den Motor. Die Kinderwunschklinik hat ihren Job gemacht. Ich weiß, dass es keine Erfolgsgarantie gibt. Jedoch empfinde ich es als unmenschlich, dass die Leistung der Klinik nach der telefonischen Überbringung des negativen Ergebnisses endet. Ich bin sauer darüber, dass es keinerlei Nachbesprechung gibt. Ich bekomme keine Erklärung darüber, was schief gelaufen ist, keine Details über die Blutwerte. Es würde mir jetzt helfen, zusammen mit dem Arzt zu überlegen, was man beim nächsten Mal besser oder anders machen kann. Ich brauche eine Perspektive, die mir Mut macht. Ich habe keinen Psychologen, den ich anrufen kann. Außerdem kennt ein Psychologe meine Patientenakte nicht, und könnte mir auch nicht sagen, ob ich mir beim nächsten Mal mehr Gelbkörperhormon, mehr FSH (Follikel Stimulierendes Hormon) oder mehr Ruhe gönnen sollte.

Als ich zu Hause bin, lege ich nur meinen Mantel ab und schmeiße mich aufs Bett. Ich beginne so bitterlich zu weinen, wie selten in meinem Leben. In meinem Kopf kreisen die Gedanken an das negative Blutergebnis, und damit kommt die Angst zurück niemals Kinder bekommen zu können. Der ausgerechnete Geburtstermin 07.07.2011 sticht mir einen Dolch ins Herz. An diesem Tag werden keine Kinder geboren, nicht von mir. Ich habe Angst, dass mein Leben ohne Kinder leer sein wird. Im Alter werde ich ganz alleine sein. WOFÜR SOLL ICH LEBEN?

Ich denke an die süßen Gesichter der Kinder meiner Freunde und es zerreist mir mein Herz, dass ich vielleicht nie in das süße Gesicht meines eigenen Kindes gucken werde. Ich habe so viel zu geben. Wohin mit meiner Mutterliebe? Gegenüber von unserer Wohnung ist ein Kindergarten. Jeden Morgen zerren gestresste Eltern ihre süßen Kinder durch die Eingangstür. Manchmal bleiben die Kinder den ganzen Tag dort, weil die Eltern auch am Nachmittag etwas Besseres vorhaben. Shoppen, Café trinken, Golf spielen. Ich könnte kotzen.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist schon acht. "Wo bleibt eigentlich mein Mann? Wie kann er mich so lange alleine lassen? Wird unsere Liebe groß genug sein? Sind seine Gefühle stark genug für mich, um diese Zeit zu überstehen. Sind wir zwei uns genug, wenn wir keine Kinder bekommen?" Meine Augen sind schon ganz geschwollen und ich bekomme Kopfschmerzen vom Weinen.

Eine Stunde später bin ich immer noch alleine. Warum ist mein Mann nicht bei mir? WARUM IST KEINER DA DER MIT MIR REDET? Ich möchte schreien und irgendetwas zerstören. Meine Beziehung, meine Karriere, eine Vase, mich selbst.

Um 22:30 Uhr kommt er. Als er das Schlafzimmer betritt, bewege ich mich nicht. Ich weiß, dass ich ihn nicht anschreien darf. Er hat keine Schuld und ich liebe ihn. Deswegen sage ich nichts. Ich weine. Mein Weinen ist zu einem Schreien geworden. Ein Schreien, das meine Verzweiflung zeigt. Er umarmt mich. Er flüstert zärtlich meinen Namen. Schließlich, als ich mich wieder ein wenig beruhigt habe, sage ich: "Ich fühle mich so allein."

Völlig erschöpft schlafe ich gegen Mitternacht ein.

(Forsetzung: Neuer Mut)