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Freitag, 11. Februar 2011

Die Kinderwunschklinik, dein Freund und Helfer

DrillingschwangerschaftHeute ist Freitag, der elfte Zyklustag. Es ist 8:55 Uhr, ich sitze noch beim morgendlichen Café-Latte auf der Couch und dabei laufen die letzten Minuten des Morgenmagazins im ARD-Fernsehen. Ein toller Start in den Tag. Überhaupt ist es ein guter Morgen. Die Last der Entscheidung bezüglich der Anzahl der zu transferierenden Embryonen ist von mir gefallen. Gestern Abend haben mein Mann und ich uns für das Einsetzen von drei Embryonen entschieden. Eine schwierige Entscheidung, die man nicht leicht fällen darf. Wenn der Arzt meint, dass man dieses Risiko in unserem speziellen Fall eingehen kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingschwangerschaft bei uns wohl wirklich gering. Aber uns ist klar, dass dieser Fall mit all seinen Folgen dennoch eintreten kann. "Einer von den drei Hübschen wird es sicher schaffen", denke ich bei Nachrichten und Wettervorhersage. Da klingelt das Telefon.

"Unbekannter Teilnehmer", informiert mich der hochauflösende Bildschirm meines Android -Smartphones. "Es ist die Kinderwunschklinik", denke ich und zucke zusammen. Ein Anruf mit unterdrückter Telefonnummer hat bei mir den selben Effekt wie das Erblicken eines Polizeiautos. Beide überbringen meist schlechte Nachrichten. "Franka Fruchtig", melde ich mich mutig. "Hallo Frau Fruchtig, hier ist die Kinderwunschklinik. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ihre Blutwerte in Ordnung sind." piepst die fröhliche Stimme der KWK-Arzthelferin auf der anderen Seite der Leitung. "Toll." sage ich und wusste gar nicht, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Später einmal erfuhr ich von meinem Arzt, dass kurz vor der Punktion nochmal der Progesteron- und Östrogenwert im Blut gemessen werden. Daran erkennt der Arzt, ob z.B. der Zeitpunkt der Punktion richtig gewählt wurde. "Also, bis morgen."
"Jahaa, bis morgen." singe ich ins Telefon als hätte ich einen Preis gewonnen, den ich mir morgen abholen darf.

Fünf Minuten später klingelt schon wieder das Telefon. Und wieder ist der Anrufer unbekannt. "Nanu", denke ich, "ist mein Blut doch nicht in Ordnung?"
"Hallo Frau Fruchtig, hier ist die Kinderwunschklinik. Mein Name ist Frau Doktor Tiefschlaf und ich bin morgen Ihre Narkoseärztin. Können Sie frei sprechen, oder soll ich die Fragen so stellen, dass Sie nur mit 'Ja' oder 'Nein' antworten müssen?"
"Wow", platzt es aus mir heraus, "das ist das erste Mal, dass mich das jemand fragt. Das finde ich sehr nett von Ihnen. Vielen Dank. Ich bin zu Hause und kann frei sprechen."
Den Fragenkatalog, der anschließend kommt, kenne ich bereits vom letzten Mal, bis auf die eine Frage:
"Wissen Sie schon, wieviele Eizellen es ungefähr sind?" knattert es liebevoll aus der Leitung.
"Ja, es sind nur zehn Follikel diesmal", antworte ich und meine Stimme klingt das erste Mal heute morgen traurig.
"Das ist doch gut." antwortet sie. "Die Quantität sagt nichts über die Qualität aus."
"Bei den beiden letzten Malen waren es aber mehr." erwidere ich trotzig wie ein kleines Kind.
"Aber es hat trotzdem nicht geklappt, nicht wahr? Glauben Sie mir, weniger ist manchmal mehr."
Innerlich lächle ich. Dem 38 jährigen Kind Franka hat man Mut zugesprochen und es hat funktioniert.
"Also dann, bis morgen." sagt sie zum Abschluss.
"Ja, bis morgen.", schließe auch ich das Gespräch ab und freue mich absurderweise auf meine Punktion. "Die Kinderwunschklinik, Dein Freund und Helfer!" denke ich noch und lächle wieder.

Fortsetzung

Donnerstag, 10. Februar 2011

Drei sind einer zu viel

DrillingeDas ist die eindeutige Botschaft der Informationsbroschüren, die ich von der Dame in der Abrechnungstelle bekomme. Zwei Kinder passen vielleicht noch in meinen Bauch. Aber für drei ist er nicht gemacht. Bei Drillingen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass keine bzw. nicht alle Babys überleben, oder so früh zur Welt kommen, dass sie bleibende Schäden davon tragen. Das ist hart. Ein behindertes Kind stellt sich keiner vor, der hier in der Kinderwunschklinik sitzt. Alle träumen von einem gesunden Kind. So eins wie auf den Baby-Foto-Kollagen, die jeden freien Quadratzentimer Wand der Klinik schmücken. Als wir mit der ersten Kinderwunschbehandlung starteten, machten mir die Säuglings-Bilder Mut. Ich dachte mir: "Hey, die können das hier wirklich!" Mittlerweile denke ich mir: "Sind das wirklich Bilder von Babys, die mein Doc zustande gebracht hat, oder sind die Bilder geklaut? Und wenn die Bilder nicht geklaut sind, warum klappt es bei so vielen anderen Paaren und nicht bei uns?" Ich habe mich sogar schon dabei erwischt, zu überprüfen, ob ein Babygesicht irgendwo zweimal hängt.

Auf den nächsten Seiten schildern die Unterlagen das Leben mit drei kleinen Kindern nach der Geburt. Selbst wenn alle Kinder gesund zu Welt kommen, bedeutet die Pflege puren Stress. Es sind drei Kinder zu wickeln, drei Kinder zu füttern, drei Kinder an zuziehen. Ganz zu schweigen davon, dass drei Kinder mit Sicherheit nicht alle zur gleichen Zeit schlafen. Mit dieser Dauerbelastung und dem entsprechenden Schlafmangel, gehen beide Eltern bald auf dem Zahnfleisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung das nicht überlebt, ist groß.

"So und jetzt hier bitte unterschreiben", sagt die Dame, die sich um den Papierkram kümmert und hält mir die "Kenntnisnahme über das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften" unter die Nase. Ich frage mich warum die eigentlich einen weißen Kittel an hat. Die ist doch sicher Bürokauffrau und keine Ärztin. "Das muss ich erst nochmal mit meinem Mann besprechen", gebe ich zurück und bin froh einen Grund gefunden zu haben, die finale Entscheidung über die Anzahl der zu übertragenden Embryos noch etwas herauszögern zu können. "In Ordnung, aber spätestens zur Punktion müssen Sie diese Unterlagen unterschrieben mitbringen."

Als ich aus dem Büro komme, bietet sich mir ein lustiges Bild. Meine Schwester, die auf mich gewartet hat, sitzt auf einem roten Massagestuhl der gerade das Programm "Full Body Relief" erbarmungslos durchführt. Sie kichert das ganze Wartezimmer zusammen, denn sie ist furchtbar kitzelig. Zwei andere Paare mit fortgeschrittenem Kinderwunsch gucken sich das Schauspiel an und können nicht anders als mit zu lachen. Für einen kurzen Moment sind alle Sorgen vergessen. "Sechs lachende Gesichter hat dieses Wartezimmer sicher lange nicht gesehen", denke ich, helfe meiner Schwester aus den Klauen der roten Krake und verlasse mit ihr die Kinderwunschklinik. "Schön, dass Du mitgekommen bist." sage ich zu ihr und lege meinen Arm um sie.

Fortsetzung