Posts mit dem Label Krankenkassen-finanziert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Krankenkassen-finanziert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 10. Juni 2011

Land der Berge, Land der Babys

Eine Kinderwunschbehandlung in Österreich hat mehr Chancen auf Erfolg, weil dort die besten Embryonen selektieren werden dürfen und in der Regel länger kultiviert werden. Zu diesem Schluss kommen wir nach tagelanger Durchforstung verlässlicher Quellen im Internet und in Zeitungen. Eine Kinderwunschbehandlung zu Hause ist günstiger und weniger aufwändig. Wir könnten unser normales Leben weiterleben, bräuchten keinen Urlaub nehmen, keine Flüge bezahlen, keine Unterkunft suchen und niemandem erklären, warum wir zwei Wochen in Wien Urlaub machen. Ungewollt werden wir Fachleute über die gesetzlichen Grenzen der künstlichen Befruchtung in Europa.

Alle Hoffnungen, doch noch Eltern zu werden, setzen wir in den letzten Versuch. Dabei wollen wir sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen! Könnten wir uns verzeihen, eine bequeme Behandlung Vorort zu wählen, wenn diese wieder kinderlos endet? Damit ist die Entscheidung gefallen. Für die nächste Kinderwunschbehandlung gehen wir nach Österreich. Liebe Regierung, könnt Ihr das nicht allen ungewollt, kinderlosen Paaren in Zukunft ersparen?

Bei der Suche nach Kinderwunschkliniken in Wien stoße ich auf eine Debatte über die finanzielle Unterstützung künstlicher Befruchtung. Die Familienministerin fordert, dass Krankenkassen wieder vier statt nur drei Versuche zur Hälfte finanzieren. Ich bin der Meinung, volkswirtschaftlich gesehen macht das Sinn. Zirka 2.500 Euro aus der Staatskasse stehen einem lebenslangen Sozialversicherungsbeitragszahler gegenüber. Zunächst freue ich mich über den Artikel, dann holt mich meine Politikverdrossenheit ein: Würde dieses Gesetzt mir nutzen? Ist es ernst gemein oder hilft es lediglich der politischen Karriere von Frau CDU-Nachwuchstalent? Würde es früh genug in Kraft treten? Ich habe noch zehn Monate bis ich vierzig werde und eine Lockerung des Gesetzes bezüglich der Embryonenselektion ist nicht einmal Teil der Debatte. Wir sind und bleiben auf uns alleine gestellt. Von außen können wir keine Hilfe erwarten.

Endlich finde ich eine Klinik in Wien, die kein Geld für das Erstgespräch verlangt. Es scheinen sich schon andere ausländische Paare dort behandeln zu lassen, denn eine Beratung wird auch per Skype angeboten und die Klinik übernimmt - wenn gewünscht - die Buchung einer Unterkunft vor Ort. Meine Email an die Hoffnungsträger im Nachbarland halte ich kurz: „Wir wünschen uns ein Baby. Drei ICSI-Behandlungen in Deutschland waren erfolglos. Was müssen wir tun, damit es bei Ihnen klappt?“ Ich amüsiere mich über meine knackige Formulierung und klicke auf den Senden-Button meines Email-Programms. Österreich wir kommen!

Montag, 14. Februar 2011

Der nachträgliche Abbruch

Um Punkt zwölf Uhr treffe ich mich mit meinem Mann in der Kinderwunschklinik. Wir geben uns wortlos einen Kuss, melden uns an und werden noch "einen Moment" ins Wartezimmer gebeten. In der vorangegangenen Stunde saß ich geistesabwesend im Büro. Als mein Kollege mich fragt, ob es mir nicht gut geht, kann ich nicht vermeiden, dass mir eine Träne über das Gesicht kullert. Ich bitte ihn mich einfach ein wenig in Ruhe zu lassen. Danach wurde im Büro in meiner Anwesenheit nicht mehr gesprochen.

Nachdem ein paar Minuten vergangen sind, werden wir in ein Besprechungszimmer gebeten. Zu unserer Überraschung treffen wir dort nicht den Arzt an, sondern eine Sprechstundenhelferin.

"Der Herr Doktor hat heute leider keine Zeit für eine Besprechung. Er bittet Sie einen Termin für Freitag auszumachen, um alles ausführlich zu besprechen."
"Man hat uns am Telefon gesagt, dass wir gegen zwölf Uhr kommen sollen. Wir sind jetzt beide aus dem Grund in der Mittagspause hier her gefahren. Bitte fragen Sie noch einmal nach.", sagte ich freundlich aber bestimmt.
"Es geht heute leider nicht. Es tut mir leid. Mehr kann ich jetzt auch nicht für Sie tun.", sagt die Dame und verlässt das Zimmer mit einem Gesichtsausdruck der - für meinen Geschmack - ein nicht ausreichend schlechtes Gewissen zeigt.
"Das gibt es doch nicht, jetzt schmeißen uns die hier einfach unvermittelt raus.", sage ich zu Noerd als wir das Besprechungszimmer verlassen.
"Sozialkompetenz steht wohl nicht im Lehrplan eines Facharztes für Reproduktionsmedizin.", gibt Noerd kopfschüttelnd zurück.
"Ja, und diese Termine bringen kein Geld." füge ich noch bitter hinzu.

Ich bin stinksauer und traurig. In diesem Moment lässt mein Kopf nur einen Gedanken zu: Mein Arzt ist Schuld an diesem Fehlversuch. "Er hätte mir nicht zu der Behandlung raten dürfen, als er gesehen hat, dass der rechte Eierstock nicht mit macht. Er hätte den Eisprung nicht bereits an Zyklustag zehn auslösen dürfen. Es war doch schon vorher klar, dass meine Eizellreife nicht so gut ist. Wer weiß, wie die Punktion gelaufen ist. Vielleicht hat er da was falsch gemacht? An seiner Stelle würde ich mich auch nicht raus trauen!". Diese Gedanken hätte der feine Herr Repro-Doktor mit einem kurzen Gespräch verhindern können. Für sein Image wäre das vorteilhafter gewesen, als dieses Versteckspiel.

"Was machen wir jetzt?", frage ich Noerd.
"Einen Termin für Freitag.", sagt er.
"Ich will aber noch mal eben in die Abrechungsstelle. Ich würde die gerne etwas fragen. Kommst du noch mit?"
"Na klar.", sagt er und legt seine Hand in meine.

In der Abrechnungsstelle kommen wir schnell dran. Mit all meinem Frust, versuche ich der Dame, die für's Finanzielle zuständig ist, freundlich gegenüber zu treten.

"Wir haben heute erfahren, dass der letzte ICSI-Versuch nicht geklappt hat. Keine der Eizellen hat sich befruchten lassen.", beginne ich.
"Ja, das habe ich gerade gesehen. Es tut mir sehr leid." antwortet die Dame.

Jetzt stelle ich die entscheidende Frage, die mir irgendwann zwischen dem Anruf heute morgen und dem Eintreffen in der Kinderwunschklinik eingefallen ist:

"Ist es möglich, diesen Versuch der Krankenkasse noch irgendwie als 'abgebrochen' zu deklarieren?"
"Hm," sagt die Dame, "das ist theoretisch möglich".
Mein Herz hüpft.
"Sie müssten allerdings ein paar Leistungen aus der eigenen Tasche bezahlen."
"Ja, das ist klar. Aber, dann hätten wir doch noch einen Krankenkassen-finanzierten Versuch übrig, oder?"
"Ja, das ist richtig. Ich könnte ihnen mal schnell ausrechnen wie viel das ausmacht."
"Das wäre nett."

Die Dame nennt uns den Betrag. Er war höher als ich dachte, aber mit diesem Betrag,- der immernoch unter dem Preis einer kompletten Privatbehandlung liegt - konnten wir uns eine Perspektive erkaufen: Es würde einen zweiten letzten Versuch geben!

"Ok, so machen wir's.", gaben wir kurzentschlossen zurück und ich spüre, wie die Erleichterung in mir aufsteigt.

Als wir die Kinderwunschklinik verlassen, geht es mir gut. Es ist noch nicht alles gelaufen. Wir werden es noch einmal probieren, und beim nächsten Mal klappt's!