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Freitag, 15. Juli 2011

Der Spritzen-Auftakt

Es ist Freitag morgen, der 19te Zyklustag, und ich sitze im Wartezimmer meiner Frauenärztin. Die Wartezeiten als Kassenpatientin grenzen zwar an eine Unverschämtheit aber ich warte gern. Ich habe mich bereits als Teenager entschieden nicht mehr zu einem männlichen Gynäkologen zu gehen. Da sehr viele Damen nach diesem Prinzip leben, sicher jede aus einem anderen Grund, sind Gynäkologinnen-Sprechstundentermine eben knapp. Den Frauenarzt, der mir mit unschuldigen 14 Jahren das Vertrauen nahm, suchte ich mit meiner Mutter auf, weil ich meine Periode fast jede Woche bekam. Für den Sport, den ich damals mit Leidenschaft ausübte, war das ein Problem. Nachdem ich dem Arzt dies geschildert hatte, sagte er zu unserem Entsetzen: "Wenn ich Dir die Pille verschreiben soll, dann sag's einfach direkt." Gedemütigt verließen wir für immer seine Praxis. Seitdem zweifle ich stark daran, dass Männer auch nur im Entferntesten wissen, was mit uns Frauen los ist. Daran ändern auch kein Medizinstudium oder jahrelange, anatomische Untersuchungen der weiblichen Geschlechtsorgane etwas.

Nach einer Stunde und zehn Minuten bin ich dran. Meine Frauenärztin hat mich nicht mehr gesehen, seitdem sie uns im letzten Jahr die Kinderwunschklinik empfohlen hat. Sie hört sich ruhig die Tortur der letzten drei Behandlungen an, erfährt über die Unterschiede der Deutschen und Österreichischen Gesetze und ist schließlich bereit beim Auslandsversuch mitzuspielen. Ihr Job ist es heute, mich auf Zystenlosigkeit zu überprüfen. Ich komme mir schon fast selber wie ein Arzt vor. Ein Hobby-Arzt, der leider kein Ultraschallgerät zu Hause hat und deshalb herkommen muss. Die Untersuchung verläuft gut. Meine Eierstöcke sind zystenfrei. Das bedeutet, dass ich ab morgen mit den Decapeptyl-Spritzen für die Downregulierung beginnen kann.

Der nächste Termin ist erst in über zwei Wochen. Ebenfalls bei meiner Frauenärztin in Deutschland. "Wenn ich wiederkomme, kann ich hoffentlich ganz viele Follikel vorweisen." Mit diesen Worten verabschiede ich mich von ihr und bekomme ein aufmunterndes aber kühles Lächeln zurück. So richtig viel Zeit hat sie sich nicht für mich genommen. Ich überlege, ob ich das einem männlichen Kollegen übel genommen hätte. Wahrscheinlich! Während ich meine Einstellung zu männlichen Gynäkologen überdenke, kommt die nächste Patientin ins Wartezimmer. Es ist nicht einmal mehr ein Sitzplatz für sie frei.

Fortsetzung: Arschkalt!

P.S. Ja, ich weiß das Ergebnis schon. Wenn ich es Euch aber jetzt schon mitteile, kann ich nicht mehr wirklich gut darüber schreiben. Sorry. Bitte habt Geduld.

Freitag, 18. Februar 2011

Die Aussprache

Es ist punkt zwölf Uhr am Freitag Mittag. Mein Mann Noerd und ich verbringen die zweite Mittagspause in dieser Woche in der Kinderwunschklinik. Wir haben einen Termin mit unserem behandelnden Arzt, der leider am Montag nach dem traurigen Ergebnis keine Zeit für eine Besprechung hatte. Meine Wut auf den Arzt ist verschwunden. Seit Dienstag morgen denke ich wieder klarer. Es scheint wirklich war zu sein, dass das Gehirn in der Nacht die Gedanken sortiert und Erlebtes verarbeitet. Natürlich ist es nicht die Schuld des Arztes, dass ich noch nicht schwanger bin. Wenn man es mit fünf Tagen Abstand betrachtet, fällt mir außerdem kein Motiv ein, warum mein Arzt absichtlich ein schlechtes Behandlungsergebnis riskieren sollte. Noerd und ich versuchen nach vorne zu denken und haben uns für den Termin heute ein paar Fragen aufgeschrieben.

"Warum hat es nicht geklappt?", steht ganz oben auf der Liste. Obwohl ich die Antwort schon weiß ("Das kann man nie genau sagen. Die Unreife der Eizellen könnte ein Indiz sein, aber es kann auch einen ganz anderen Grund haben."), werde ich die Frage trotzdem stellen. Quasi als Gesprächseröffnung. Eigentlich erhoffe ich mir von dem Termin heute eine Perspektive. Was kann man beim nächsten Versuch besser machen? Wie sah eigentlich das Spermiogramm von Noerd aus? Was hat die IMSI* gebracht? Was kann man tun, um die Eizellreife zu verbessern? Ich habe auch ein paar kritische Fragen im Gepäck, sowie: "Hätte man zu Beginn des Zyklus schon sehen können, dass sich an einem Eierstock keine Follikel bilden?" Und: "Hätte man zu diesem Zeitpunkt besser abgebrochen, um unseren Geldbeutel zu schonen?"

Ich fühle mich ein wenig wie vor einem wichtigen Geschäftstermin mit einem Lieferanten, von dem ich abhängig bin, der aber beim letzten Mal leider nicht die vereinbarte Ware geliefert hat. Nur fünf Minuten nach zwölf werden wir aufgerufen. Das ist Wartezimmer-Rekord. Im guten Sinne.

Der Doc hat unsere Akte auf dem Tisch liegen. "Er hat sich vorbereitet!", denke ich. Punkt für ihn.
"Guten Tag, Herr Fruchtig. Guten Tag, Frau Fruchtig. Es tut mir leid wegen Montag. Es war einfach so viel los und ich wollte das Gespräch in Ruhe mit Ihnen führen." Klarer Punkt für ihn.
"Ich war selber enttäuscht, als ich das Befruchtungsergebnis gesehen habe. Nur drei Eizellen waren reif, eine davon ist bei der ICSI kaputt gegangen, und die zwei übrigen haben sich nicht befruchten lassen."
"Wie bitte?" denke ich, "Mein Kind ist bei der Injektion verreckt?" Punktabzug für's Labor!
"Aber die IMSI hat tolle Ergebnisse gebracht. Die Spermienqualität war vom Typ 1a." Punkt für Noerd.
"Ich schlage für den nächsten Versuch ein so genanntes "langes Protokoll" vor. So können wir vielleicht eine bessere Eizellreife erreichen. Außerdem sollten wir die Situation ganzheitlich betrachten. Haben Sie Stress, Frau Fruchtig?"
"Hm. Na, ja. Die negativen Schwangerschaftstests und die Enttäuschung sind Stress. Ansonsten bin ich ein eher entspannter Mensch." Punkt für mich?
"Vielleicht probieren Sie mal Traditionell Chinesische Medizin (TCM). Das entspannt den ganzen Körper und speziell die Eierstöcke. Entspannung ist wichtig für eine gute Durchblutung. Wenn die Eierstöcke gut durchblutet sind, wirken die Hormone besser." Definitiver Kostenpunkt für mich.
"Hätte man nicht vor der Punktion abbrechen müssen?" frage ich dann frei heraus?
"Bei zehn Eizellen bricht man nicht ab, Frau Fruchtig. Andere Frauen haben nur eine Eizelle pro Versuch."

Erst nach einer Stunde verlassen wir das Besprechungszimmer. Wir haben Antworten auf alle unsere Fragen bekommen. Der Arzt hat sich außergewöhnlich lange Zeit genommen. Ich bin innerlich vollends mit ihm versöhnt. Der nächste Versuch soll im April starten und zwar vor Zyklustag eins. Bereits einige Tage vor Eintreten der Regel will er meine körpereigenen Hormone unterdrücken. Warum habe ich nicht wirklich kapiert. Bis dahin sind es noch zwei Monate. So ganz nebenbei haben wir erfahren, dass das letzte Spermiogramm von Noerd, das für die ICSI automatisch angefertigt wird, außergewöhnlich gut war. Die Erlebnisse der nächsten Wochen werde ich daher nicht im Detail dokumentieren .. ;)

*IMSI = Intrazytoplasmatische Morphologisch Selektierte Spermien Injektion. Hierbei werden mittels 6500-facher Vergrößerung unter dem Mikroskop die besten Spermien für die ICSI ausgesucht. Der Spaß kostet pro befruchteter Eizelle ca. 200 €.

Dienstag, 8. Februar 2011

Ovarische Verweigerungshaltung

Es ist der achte Zyklustag. Fünf Tage lang spritze ich bereits morgens, mittags und abends Hormone. Seit gestern muss ich zwischen 17 und 18 Uhr auch noch die eisprungverhindernde Spritze Orgaludingsbums setzen. Für dieses Spritzenpensum sieht mein Bauch, bis auf zwei blaue Flecken, eigentlich noch ganz gut aus.

Heute habe ich vor der Arbeit einen Termin bei meinem Kinderwunsch-Doktor zum zweiten Ultraschall. Zu diesem Termin wird getestet, ob die Hormone gut anschlagen und ob sie richtig dosiert sind. Ich habe meine Schwester gebeten, zur Untersuchung mitzukommen. Ich hatte spontan beschlossen, dass es einfacher sei, sich vorzustellen wie eine Kinderwunschbehandlung aussieht, wenn man mal bei einem Arztbesuch dabei war. Wir sitzen erst ein paar Minuten zusammen im Wartezimmer, da werde ich auch schon aufgerufen. Ich gehe schon aus Gewohnheit an der Arzthelferin vorbei in das Umkleidezimmer und mache mich bereit. Mein Schwesterchen nimmt auf dem Besucherstuhl neben der Tür platz.

Zwei Minuten später befinde ich mich in der Ultraschall-Untersuchung. Nachdem ich so viel Geld für Hormone ausgegeben habe wie noch nie, erwarte ich auf dem Bildschirm eine regelrechte Armada an heranwachsenden Follikel zu sehen. Meine Erwartungen an meinen linken Eierstock werden voll und ganz erfüllt. Es tummeln sich dort acht bis zehn schwarze Murmeln in einer beachtlichen Größe. Nun bahnt sich der Ultraschallstab seinen Weg an meiner vorbildlich aufgebauten Gebärmutterschleimhaut vorbei zu meinem rechten Eierstock. Vier Augenpaare kleben gespannt auf den Bildern des Ultraschallgeräts auf der Suche nach der Follikel-Großproduktion meines rechten Ovars.

Gähnende Leere macht sich breit; von Folliken keine Spur. Erst nach mehrfachen Anläufen des Ultraschallstab-Jongleurs, lassen sich zwei Mini-Follikel dazu herab ihr schwarzes Gesicht in die Kamera zu halten. Das gibt es doch nicht! Mein rechter Eierstock hat keinen Bock! "War das in den früheren Behandlungen auch schon so?", fragte der Doktor mich. Ich verneinte. Bisher war die Ausbeute immer gleichverteilt. Aber warum werde ich das eigentlich gefragt? Steht denn in meiner Patienten-Akte nichts darüber? Na ja, es ist wohl wie überall im Leben, man muss immer ein wenig mitdenken.

Bevor mein Doc mich zur Blutabnahme entlässt, stellt er fest, was wir alle mit eigenen Augen bereits gesehen haben. "Es ist alles in Ordnung. Es ist ein guter Versuch. Vielleicht wachsen die zwei Follikel auf der rechten Seite jetzt ja noch. Nehmen Sie die Hormone unverändert weiter. Es nützt übrigens nichts wenn Sie sich rechts in den Bauch spritzen." Ich frage mich, ob das ein Witz sein sollte. "Bin ich wirklich schon gefragt worden." fügt er hinzu und lacht wie jemand, der sich erklären will. "So, jetzt muss ich weiter. Bis Donnerstag, Frau Fruchtig." Und Tschüss.

Um drei Kanülen Blut erleichtert, verlasse ich die Klinik. Meine Schwester versucht mich aufzuheitern. Meine Enttäuschung über die Verweigerungshaltung meines rechten Ovars, sieht sie meinem Gesicht natürlich an. Es sagt: "Es ist der letzte Versuch. Warum muss ich diesesmal so wenig Follikel produzieren wie noch nie? Ich hatte gehofft, die letzte Hormonbehandlung würde eher mehr Versuche ermöglichen als zuvor." Dann sagt meine Schwester den Satz, der mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. "Du bist keine Maschine, meine Süße, und das ist auch gut so." Sie hat recht. Und vielleicht tut sich ja wirklich bis zum nächsten Ultraschalltermin am Donnerstag rechts noch etwas. Der Alltag ruft. Spätestens um 10 Uhr muss ich im Büro sein.

Fortsetzung