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Montag, 11. Juli 2011

Embryonenschutzgesetz-Dynamit

Mein Radio-Wecker begrüßt mich um 8 Uhr mit dem Supertramp-Klassiker "It's raining again." Und tatsächlich, als ich unsere 100%-Verdunklungsgardine zurückziehe, erblicke ich Regenwolken. Es wundert niemanden mehr in diesem Sommer. Mein Hirn überrumpelt mich zudem mit einer schwierigen Frage. "Wenn die Kinderwunschklinik in Österreich meiner Krankenkasse bescheinigt, dass sie die Behandlung nach Deutschen Gesetzen durchführt, welchen Vorteil haben wir dann eigentlich von der Behandlung in Österreich?" Mir wird heiß und kalt. Wir werden ja wohl nicht diese ganzen Umstände machen, um am Ende die gleiche Behandlung durchzuführen wie in Deutschland?

Ich krame nochmal die Bestätigung der österreichischen Klinik an meine Krankenkasse raus. "Bei Herrn und Frau Fruchtig, ist die Behandlung nach Deutschen Gesetzen geplant." Mist! Dann fällt mir der Vertrag der Klinik in die Hände, den Noerd und ich unterschrieben haben. Der letzte Absatz wiederspricht im Fettdruck: "Für Deutsche Paare: Wir sind ausdrücklich damit einverstanden, dass die Behandlung nach österreichischem Gesetz durchgeführt wird. Sollten unsere Krankenkassen in Deutschland deshalb die Zahlung verweigern, kommen wir für die kompletten Behandlungskosten selbst auf." Ich bin verwirrt. Noerd, der sich im Badezimmer schlaftrunken rasiert, ebenfalls. Wir entscheiden uns nach einem starken Kaffee die Klinik in Wien anzurufen.



"Kinderwunschklinik, guten Morgen."
"Ehepaar Fruchtig hier, guten Morgen Frau Schilcher! Wir möchten in ein paar Tagen die Hormonbehandlung beginnen, haben aber noch eine Frage zum Embryonenschutzgesetz."
"Ja, hallo Frau Fruchtig. Fragen's nur." wienert Frau Schilcher freundlich zurück.
"Sie haben uns bestätigt, dass die Behandlung nach Deutschen Gesetzen geplant ist. Aber im Vertrag steht, dass sie ausschließlich nach Österreichischen Gesetzen behandeln."
Das scheint für Frau Schilcher nicht wiedersprüchlich zu sein, denn sie antwortet mit einem knappen "Ja, genau."
"Ja, aber wie wird denn nun behandelt? Nach Deutschem oder Österreichischem Recht?" Diese Frage ist unausweichlich klar.
"Nach Österreichischem." kommt es etwas zögerlich zurück.
"Aha. Sehr gut." antworte ich "Das wollen wir ja auch. Das heißt alle befruchteten Embryonen werden bis zum Blastozystenstadium weiterkultiviert."
"Ja, genau."
Noerd nickt mir erleichert zu.
"Das heißt aber auch, dass wir unsere Krankenkasse anschummeln?"

Nach dem dritten, jetzt leiseren "Ja, genau." wird mir klar, dass dieses Thema auch für Frau Schilcher etwas heikel ist. Ich wundere mich, dass sie uns diese brisante Auskunft überhaupt am Telefon gibt, obwohl wir uns noch nie persönlich gesehen haben. Wir könnten ja auch von der Presse sein oder verdeckt für eine Deutsche Krankenkasse ermitteln. Schließlich fügt Frau Schilcher noch hinzu:
"Falls die Krankenkasse nach der Behandlung noch Fragen hat, wird sie sich sowieso an Sie richten und nicht an uns."
"Hm, das verstehe ich nicht. Was meinen sie damit?"
"Na, dass die Krankenkasse Sie nach der Behandlung eventuell noch einmal anschreibt. Sie würde nie mit uns direkt in Kontakt treten."
"Aha, und je nach Verlauf geben Sie dann Auskunft über die Behandlung."
"Ja, genau."
"Ok, danke erstmal, Frau Schilcher. Uns war vor allem wichtig, dass Sie die besten Embryonen für den Transfer aussuchen."
"Ja, gern. Frau Fruchtig. Bitte rufen Sie uns an, wenn Ihre Regel einsetzt, damit wir die Behandlung hier vorort einplanen können."
"Mach, ich." gebe ich erleichert heiter zurück. "Am Freitag fange ich mit der Downregulierung an. Der erste Zyklustag wird dann so um den 23./24. Juli liegen." Wow, ich habe meinen Biorythmus im Kopf, was!
"Ok. Dann bis ..."

Während Frau Schilcher sich freundlich verabschiedet, fällt mir ein, dass ich dringend einen Termin bei meiner Frauenärztin für kommenden Freitag machen muss. Mein Behandlungsplan sieht am 20ten Zyklustag einen Ultraschall vor, bei dem ich auf Zysten untersucht werden muss. Nach dem ich auch das telefonisch erledigt habe, setzte ich mich mit Noerd nochmal in Ruhe an den Frühstückstisch zurück.

Er sagt "Na, dann ist ja alles gut." und lächelt mich an.
"Ja." antworte ich und versinke verliebt in seine schönen, braunen Augen.
"Das mit den Gesetzen ist ja irgendwie ein Witz."
"Hm, ja."
"Wer belügt dann eigentlich die Deutsche Versicherung. Wir oder die Klinik?"
"Gute Frage."
"Nicht, dass wir hinterher einen Versicherungsbetrug am Bein haben."
"Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht." Bei dem Gedanken darab wird mir schlecht.
"Oder sind wir sowieso schon kriminell, weil wir für die Behandlung ins Ausland gehen?"
"Ich kenn mich in diesen rechtlichen Sachen nicht so aus."

Beiderseitiges Schweigen.

"Ich glaube, wir stellen uns besser darauf ein, dass wir diesen Versuch komplett selbst zahlen müssen." sagt Noerd schließlich, worauf er von mir nur ein versunkenes Nicken zurück bekommt. Ich fühle mich wie auf einer steilen Rodelbahn, die ich zu schnell hinabbrause, obwohl ich nicht weiß, was hinter der nächsten Kurve kommt.

Fortsetzung: Der Spritzenauftakt.

Samstag, 18. Juni 2011

Das Vorgespräch

Es ist Samstagmorgen 9:50 Uhr. Nervös renne ich durch unsere Wohnung und schiebe noch schnell eine Grünpflanze in den Hintergrund des Bildes, welches mein neuer österreichischer Kinderwunschdoktor in wenigen Minuten von uns sehen wird. Er heißt Prof. Dr. Kaiser, und versprüht damit ein wenig österreichischen K&K-Glanz. Ich bin stolz auf das Heimstudio, das ich aufgebaut habe. Im Vordergrund werden wir an unserem schönen Holztisch in der Küche sitzen. Unsere Unterlagen von früheren Bluttests liegen bereits darauf, neben den Verläufen der ersten drei ICSI-Behandlungen. Die Aktivboxen habe ich geschickt hinter dem Laptop versteckt, damit die schwarzen Kabel das Bild nicht stören. Die Kamera wird nur unsere Oberkörper übertragen, so sind wir prominent im Bild. Das schafft virtuelle Nähe! In einer Probeaufnahme von 9:35 Uhr heute morgen, sehen Noerd und ich mindestens so seriös aus wie Klaus Kleber und Gundula Gause im ZDF. Eine Liste von den Dingen, die ich klären möchte, habe ich aufgeschrieben. Die wichtigsten Fragen starten mit "Was kostet" und "Wie organisiert man am Besten". Ich denke, wir sind gut vorbereitet.

Um Punkt 10 Uhr wähle ich meinen neuen Skype-Kontakt an - den der Kinderwunschklinik in Österreich. Tuuuuut. Tuuuuuut. Das Gespräch wird von der Gegenseite angenommen. Eine Sekunde später sehe ich einen hellen Besprechungsraum mit einem weißen Tisch, einer weißen Wand, der weißen Artzthelferin (das muss Frau Schilcher sein) und einem weißen Prof. Dr. Kaiser, der gerade den Raum betritt. "Ich habe die richtige Nummer gewählt." geht es mir durch den Kopf. Sogar der Ton funktioniert, denn ich höre ein klinisch sauberes: "Guten Morgen Herr und Frau Fruchtig. Wie geht es Ihnen?"

Nach einer netten Aufwärmphase, lenkt Prof. Dr. Kaiser das Gespräch zielstrebig auf die bevorstehende Behandlung. Er erklärt mir die genaue Dosis der Hormone, die er mir verschreiben möchte und warum. Ich gebe ihm zusätzliche Details zu den Verläufen der letzten Behandlungen, die er sich interessiert anhört und die er in die Planung mit einbezieht. "Er nimmt mich ernst", denke ich während des Gesprächs und freue mich. Auch sonst fühle ich mich wohl, da ich alles verstehe was Prof. Dr. Kaiser uns erzählt.

Nachdem der medizinische Teil abgeschlossen ist, besprechen wir mit Frau Schilcher die nächsten Schritte. Wir bekommen heute noch einen Kostenvoranschlag geschickt, den wir bei unserer Krankenkasse einreichen können. Wenn das finanzielle Vorgehen geklärt ist, kann die Behandlung beginnen. Schließlich fragt Frau Schilcher ob mein TPHA-Wert in der letzten Zeit bestimmt worden ist. Das bedeutet so viel wie: "Leiden Sie unter einer Syphilis-Infektion?" und muss in Österreich vor Behandlungsbeginn geklärt sein. Da ich die Frage verneine, steht wohl auch noch ein Termin bei meinem Hausarzt an. Nach circa einer Stunde beenden wir das Videotelefonat. Zurück bleibt ein guter Eindruck einer modernen Klinik, das Gefühl einer Rest-Distanz, aber auch die Klarheit über die nächsten Schritte auf dem Weg zu unserem kaiserlich-königlichen Wunschkind.

Montag, 13. Juni 2011

Funkturm der Gefühle

Die eingehende Email der Kinderwunschklinik reißt mich aus den Gedanken zur Freizeitgestaltung für das kommende Wochenende. Dass ich am Freitag eine eindeutige Anfrage an eine Klinik in Wien geschickt hatte, war mir tatsächlich entfallen. Die letzten Monate waren entspannt. Die ersten zweieinhalb fehlgeschlagenen Behandlungen sind weit weg. Da eine weitere Wunschbaby-Versuchsreihe immer geplant war, gab es keinen Grund zur Panik. Stattdessen sind Optimismus und Hoffnung zurückgekehrt. Ob ich die Enttäuschungen des letzten Jahres richtig verarbeitet habe, kann ich nicht sagen, aber es geht mir gut. Ich schlafe nachts durch, schwangere Frauen sind für mich wieder normale Mitmenschen und beim Sex mit Noerd denke ich nicht mehr an die Anzahl und Beweglichkeit seiner Spermien.

"Die Verfasserin der Email muss eine Verkaufsschulung hinter sich haben.", stelle ich beim Überfliegen der Nachricht fest. Oft nennt Sie meinen Namen, in der Anrede bin ich die 'Liebe Frau Fruchtig' und am Ende sendet sie mir noch 'Herzliche Grüße aus Wien'. Die Formulierungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Jetzt schon mag ich die Dame, die Klinik und die Stadt. Die Faszination eines neuen Versuchs packt mich und schleift mich hinauf auf den Funkturm meiner Gefühle. Er sendet die Nachricht des Tages in Frankas Welt: "Es geht wieder los!"

Während ich die Email ein zweites Mal lese, kapiere ich auch deren Sachinhalt. Die nette Dame, die ab sofort meine persönliche Betreuerin ist, heißt Fräulein Schilcher. Sie schlägt uns ein paar Termine für das Erstgespräch vor. Sogar am nächsten Samstag wäre ein Gespräch möglich. Das gefällt mir. Ich schicke Noerd den Samstagstermin per Skype zu. Innerhalb weniger Sekunden bekomme ich ein "OK, Babe." und einen Smiley zurück. Tolle Technik!

Diese Technik erspart uns eine Wien-Reise; also viel Zeit und Geld. Toll? Sehen wir der Realität des digitalen Zeitalters mal ins Auge: Seit dem Skype im Mai von Microsoft übernommen wurde, könnte Bill Gates unser Video-Gespräch mit dem österreichischen Kinderwunsch-Doktor mitschneiden und sich anschauen. Er wüsste dann Dinge über mich, die ich lieber geheim hielte. Technisch möglich wäre es. Insgeheim hoffe ich, dass er seine Software-Ingenieure zunächst auf Larry Page und Steve Jobs ansetzt und dass 'das Netz' unser Gespräch am Samstag wieder 'vergisst'. Mit einem Rest-Unwohlsein schicke ich die Terminbestätigung für Samstag an Frl. Schilcher.

Fortsetzung: Das Vorgespräch

Freitag, 10. Juni 2011

Land der Berge, Land der Babys

Eine Kinderwunschbehandlung in Österreich hat mehr Chancen auf Erfolg, weil dort die besten Embryonen selektieren werden dürfen und in der Regel länger kultiviert werden. Zu diesem Schluss kommen wir nach tagelanger Durchforstung verlässlicher Quellen im Internet und in Zeitungen. Eine Kinderwunschbehandlung zu Hause ist günstiger und weniger aufwändig. Wir könnten unser normales Leben weiterleben, bräuchten keinen Urlaub nehmen, keine Flüge bezahlen, keine Unterkunft suchen und niemandem erklären, warum wir zwei Wochen in Wien Urlaub machen. Ungewollt werden wir Fachleute über die gesetzlichen Grenzen der künstlichen Befruchtung in Europa.

Alle Hoffnungen, doch noch Eltern zu werden, setzen wir in den letzten Versuch. Dabei wollen wir sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen! Könnten wir uns verzeihen, eine bequeme Behandlung Vorort zu wählen, wenn diese wieder kinderlos endet? Damit ist die Entscheidung gefallen. Für die nächste Kinderwunschbehandlung gehen wir nach Österreich. Liebe Regierung, könnt Ihr das nicht allen ungewollt, kinderlosen Paaren in Zukunft ersparen?

Bei der Suche nach Kinderwunschkliniken in Wien stoße ich auf eine Debatte über die finanzielle Unterstützung künstlicher Befruchtung. Die Familienministerin fordert, dass Krankenkassen wieder vier statt nur drei Versuche zur Hälfte finanzieren. Ich bin der Meinung, volkswirtschaftlich gesehen macht das Sinn. Zirka 2.500 Euro aus der Staatskasse stehen einem lebenslangen Sozialversicherungsbeitragszahler gegenüber. Zunächst freue ich mich über den Artikel, dann holt mich meine Politikverdrossenheit ein: Würde dieses Gesetzt mir nutzen? Ist es ernst gemein oder hilft es lediglich der politischen Karriere von Frau CDU-Nachwuchstalent? Würde es früh genug in Kraft treten? Ich habe noch zehn Monate bis ich vierzig werde und eine Lockerung des Gesetzes bezüglich der Embryonenselektion ist nicht einmal Teil der Debatte. Wir sind und bleiben auf uns alleine gestellt. Von außen können wir keine Hilfe erwarten.

Endlich finde ich eine Klinik in Wien, die kein Geld für das Erstgespräch verlangt. Es scheinen sich schon andere ausländische Paare dort behandeln zu lassen, denn eine Beratung wird auch per Skype angeboten und die Klinik übernimmt - wenn gewünscht - die Buchung einer Unterkunft vor Ort. Meine Email an die Hoffnungsträger im Nachbarland halte ich kurz: „Wir wünschen uns ein Baby. Drei ICSI-Behandlungen in Deutschland waren erfolglos. Was müssen wir tun, damit es bei Ihnen klappt?“ Ich amüsiere mich über meine knackige Formulierung und klicke auf den Senden-Button meines Email-Programms. Österreich wir kommen!