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Freitag, 24. Juni 2011

Post von der Ver-Sicher-ung

„Endlich Wochenende.“ geht es mir heute schon zum fünften Mal durch den Kopf. Es scheint ein automatisierter Gedanke eines jeden Angestellten zu sein, sobald der letzte Tag der Arbeitswoche anbricht. „Allerdings hat sich der Start ins Wochenende schon mal besser angefühlt.“ rümpfe ich vor mich hin, als ich platschnass die Haustür aufschließe, meine vollen Einkaufstüten auf dem reinigungsbedürftigen Boden abstelle und mir die Post aus dem Briefkasten entgegen quillt. „Das ist kein Sommer, das ist eine Frechheit.“

Post im Briefkasten fasziniert mich. Täglich schließe ich unser Fach mit einer kindlichen Verzückung auf, als würde ich darin eine große Erbschaft vorfinden oder die Benachrichtigung über einen Sechser im Lotto. Seit fast zwanzig Jahren öffne ich dann entweder Rechnungen oder unerwünschte Werbesendungen oder beides. Heute blitz mir zwischen Rechnungen und Werbesendungen das Logo meiner Krankenkasse entgegen. Bevor ich noch meine Jacke ausgezogen habe, öffne ich den Brief und taufe den Betreff „Behandlerwechsel“ mit einem fetten Regentropfen.

„Wow, die sind schnell.“ denke ich und freue mich auf Neuigkeiten. Ich hatte erst am Mittwoch den Kostenvoranschlag mit der Bestätigung über die Einhaltung der Deutschen Gesetzte an meine Krankenkasse gefaxt. Neugierig fliegen meine Augen über die ersten Zeilen.

"Deutsche Gesetze müssen unbedingt eingehalten werden.“ .. bla bla ..
Deutsches Embryonenschutzgesetzt muss zwingen beachtet werden.“ … bla bla…
Nachbarländer wie Österreich erlauben im Rahmen der künstlichen Befruchtung andere Maßnahmen“.. bla bla.
Und dann kommt der wirklich wichtige Satz:
Sollte sich nach der durchgeführten Behandlung herausstellen, dass ausschließlich Maßnahmen durchgeführt wurden, die auch alle nach Deutschem Recht maßgeblichen Vorraussetzungen erfüllen, kann eine Kostenbeteilung erfolgen. Wir wünschen Ihnen für die bevorstehende Behandlung viel Erfolg.

Im Klartext heißt das: „Macht ihr mal, wir überlegen uns später, ob wir die Kosten übernehmen.“ Vielen Dank, liebe Ver-Sicher-ung, dass Ihr uns so viel finanzielle Planungs-Sicherheit bietet, für die 15,5% Prozent, die wir Euch jeden Monat von unserem Brutto abdrücken.“

Dieser Brief ändert nichts an unserer Entschlossenheit in Österreich ein Baby zu zeugen.

Fortsetzung: Der EU-Hormon-Express!

Mittwoch, 22. Juni 2011

Baby-Projekt-Management

In meinem Unterleib merke ich ein leichtes Ziehen. Ist das schon meine Regel? Dieses Mal wünsche ich mir aus rein organisatorischen Gründen, dass sich die Blutung noch ein paar Tage Zeit lässt. Im nächsten Zyklus wollen wir mit der Behandlung in Österreich beginnen und bis dahin gibt es noch verdammt viel zu organisieren. Frau Schilcher, meine Betreuerin der Wiener Klinik, hat mir eine lange Checkliste geschickt, die ich bis zur ersten Downregulierungsspritze* am Zyklustag zwanzig abarbeiten muss.

Eigentlich hatte ich Frau Schilcher zunächst nur nach der Bestätigung über die Einhaltung der Deutschen Gesetze gefragt, die unsere Krankenkasse angefordert hat. Als Antwort bekam ich die Bestätigung und das komplette Austria-Wunschkind-Orga-Package geliefert, inklusive Behandlungplan, Hormon-Rezepte, Vertrag, mitzubringende Blutbefunde, usw. Natürlich ist das nur der medizinische Teil. Für das Baby-Projekt muss ich mich zusätzlich noch um die Unterkunft, die Flugbuchung und meinen Urlaub kümmern.

Die Unterlagen der Wiener Kinderwunschklinik schlagen vor, dass die Frau ab Zyklustag elf Vorort sein soll. Der Mann wird nur am Tag der Punktion ‚gebraucht’. Die Punktion ist für den 13ten oder 14ten Zyklustag eingeplant un
d der Blastozysten**-Transfer findet spätestens fünf Tage danach statt. Das bedeutet, dass ich eine Unterkunft für zirka acht Tage finden muss. „Ein Hotel fällt bei diesem langen Aufenthalt wohl weg.“ denke ich und klappe den quietschenden Bildschirm meines Laptops hoch. „Mal sehen, was mein Freund, das Internet für Alternativen kennt…“


Nachdem ich eine Studenten-WG und ein Zimmer im Seniorenheim für uns ausgeschlossen habe, finde ich eine interessante Webseite die „Wohnen auf Zeit“ anbietet. Hier kann man möblierte Wohnungen für ein paar Monate aber auch für eine Woche anmieten. Es gibt ein paar schnuckelige Buden für 30 Euro pro Nacht, bzw. 200 Euro pro Woche. Ich fülle das Online-Formular aus und frage die Verfügbarkeit von zwei, drei Wohnungen an die recht zentral liegen. Zufrieden mit meiner Online-Recherche quietsche ich mein Laptop wieder zu und lehne mich entspannt zurück. „Für den Flug an Zyklustag elf, müsste ich jetzt nur noch wissen, wann ich meine Tage bekomme.“


Fortsetzung: Post von der Ver-Sicher-ung

*Mit der Downregulierung unterdrück man die Hormonproduktion der Hirnanhangsdrüse und verhindert damit, dass der Eisprung eintritt.
** Blastozyste nennt man das Stadium bei der Embryoentwicklung, bei dem der Embryo bereits mehere Hundert Zellen hat und die Einnistung in die Gebärmutter unmittelbar bevor steht.