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Dienstag, 12. Oktober 2010

Eisprung auf Bestellung

Der Kinotag beginnt mit Frühstück und der Hormonspritze aus dem Kühlschrank. Der Kaffee aus meiner George-Clooney-Maschine duftet herrlich und draußen scheint die Sonne. Es geht mir gut an meinem zwölften Zyklustag! Natürlich merke ich, dass meine Eierstöcke angestrengt arbeiten. Ich habe das Gefühl dreizehn Glasmurmeln in meinen Unterbauch durch die Gegend zu schaukeln.

Nachdem ich meinen Arbeitsplatz und mich selbst auf Vordermann gebracht habe, treffe ich mich mit Freunden. Erst wollen wir eine Kleinigkeit Essen gehen und danach in den neuen Todd Philips Film "Stichtag". Meine Eisprung-auslösende Spritze habe ich in der Handtasche. Ich kann mich weder auf das Essen noch auf die Tischunterhaltung konzentrieren, weil ich immer noch keinen Plan habe, wie ich mir um Punkt 21:30 Uhr die Spritze setzen könnte. Schaffe ich es unbemerkt im dunklen Kino? Fakt ist, dass um diese Zeit der Film noch läuft.

Ich entschließe mich vor dem Film dazu, die Spritze auf der Kinotoilette schon mal zusammen zumischen, so kann ich Zeit gewinnen. Wir haben die besten Plätze reserviert, von denen man mittig auf die Leinwand schaut. Für das Setzen einer Spritze ist das denkbar schlecht. Wollte ich die Spritze auf der Toilette setzen, müsste ich die ganze Reihe aufscheuchen - wohlmöglich noch mit der Spritze in der Hand. Die Vorstellung davon schreckt mich ab und ich erwäge, sie vielleicht doch am Platz zu spritzen. Aber ohne Licht? Wie finde ich so die richtige Stelle? Und wie bitte mache ich mir unbemerkt am Platz die Hose auf? Der neue, komplizierte Teil meines Lebens ärgert mich jetzt und ich wünsche mir in diesem Augenblick einfach zu Hause geblieben zu sein.

Als der Film beginnt, lege ich die vorbereitete Spritze unter meinen Sitz, so dass niemand darauf treten kann. Um Punkt 21:30 knöpfe ich meine Jeans auf, drehe mich schnell auf die Seite, leuchte mir kurz mit meinen Handy auf den Bauch, desinfiziere, hole die Spritze vom Boden, piekse mich kurzentschlossen in die keimfreie Bauchfalte und drücke ab. Donnerlittchen! Der Eisprung kann kommen. Ich traue mich nicht mich umzuschauen. Das wäre zu auffällig. Ich starre einige Minuten geistesabwesend auf die Leinwand, bis sich mein Puls wieder beruhigt.

Den Film habe ich irgendwie nicht verstanden. Er soll lustig gewesen sein.

(Fortsetzung: PU-1)

Montag, 11. Oktober 2010

Der dritte Ultraschall

Mein elfter Zyklustag fällt auf einen Montag. Heute schaut der Doktor bei meinen Eierstöcken noch mal nach dem Rechten. Soweit das breitbeinig möglich ist, habe ich es mir auf dem Gynäkologenstuhl gemütlich gemacht. Die Ultraschallsonde navigiert bereits um meinen rechten Eierstock. Hier sind jetzt sechs Follikel zu sehen; am linken Eierstock sind es sieben. Das heißt, es sind noch zwei potenzielle Eizellen dazugekommen. Eine gute Nachricht! Alle Follikel werden abgemessen und von der netten Assistentin in meine Patientenakte eingetragen. Meine Gebärmutterschleimhaut sieht immer noch vorbildlich aus und hat jetzt eine Dicke von 14 mm.

Gebärmutterschleimhautmessung
Der Doktor strahlt und versprüht einen Optimismus, der mir selbst ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. "Es ist alles in bester Ordnung und am Montag ist der richtige Tag für die Punktion." Die nächsten Schritte im Befruchtungsprogramm, sind etwas komplizierter und ich muss wirklich aufpassen, dass ich alles richtige verstehe:

Heute und morgen muss ich morgens die Hormonspritzen und abends die Eisprung-verhindernden Spritzen setzen. Morgen abend brauche ich eine weitere Spritze, die den Eisprung schließlich auslöst. Hierzu bekomme ich eine genaue Zeit vorgegeben: 21:30 Uhr. Diese Uhrzeit ist genau auf meinen Punktionstermin am Montag um 8:30 Uhr ausgerichtet. Am Sonntag ist der erste Spritzen-freie Tag und am Montag muss ich pünktlich und nüchtern zur Punktion erscheinen. Da fällt mir ein, dass ich morgen mit Freunden im Kino verabredet bin. Während der Doc mich entlässt, kreisen meine Gedanken darum, wo ich mir im Kino eine Eisprung-auslösende Spritze setzen kann, ohne dass jemand es merkt...
(Fortsetzung: Eisprung auf Bestellung)

Freitag, 8. Oktober 2010

Der zweite Ultraschall

Heute ist mein achter Zyklustag. Ich sitze früh morgens im Wartezimmer der Kinderwunschklinik - natürlich wieder vor der Arbeit. Die Termine häufen sich und ich kann mir ja nicht immer frei nehmen. Was sollte ich meinem Chef auch sagen? Ich hab Zahnweh, ich habe Bauchweh, ich muss auf 'ne Beerdigung, ich war schon wieder beim Zahnarzt? Das glaubt er mir nicht, denn ich bin sonst nie krank. Er würde denken, dass ich verschlafen habe oder dass ich einfach was Besseres zu tun habe als zu arbeiten. Das kann sich keiner leisten.

Heute dauert es ein bisschen. Viele Wartende sitzen um mich herum. Zwangsläufig schaue ich mir die Paare an und frage mich: "Liegt es an ihm oder an ihr?" Ich schäme mich für den Gedanken. Das Gleiche werden sich die Paare bei mir fragen. Ich senke also meinen Blick und schaue wieder tief in die Gala. Mir stechen besonders die glücklichen Gesichter von John Travolta und Kelly Preston ins Auge. Kelly ist 48 Jahre alt und gebährt in wenigen Wochen ein Kind. Wahnsinn! Die ist ja noch zehn Jahre älter als ich!

Als ich mir gerade etwas zu Trinken nehmen will werde ich aufgerufen. Der Doktor geht mit einem "Dann wollen wir doch mal schauen!" beherzt ans Werk. Auf dem Monitor des Ultraschallgerätes verfolge ich alles mit. An meinem linken Eierstock haben sich 5 Follikel gebildet. Am rechten sind es 6. Jeder Follikel ist circa 7-9 mm groß. Das scheint in Ordnung zu sein. Außerdem prüft er den Aufbau meiner Gebärmutterschleimhaut. Die findet er vorbildlich. Sie ist 10 mm dick. Dafür bekomme ich ein großes Lob. Das ist das erste Kompliment in meinem Leben für ein inneres Organ. Ich weiß es nicht so recht zu schätzen aber denke: "Egal! Komplimente sind immer gut."

Der Doktor drückt mir ein neues Rezept und einen erweiterten Behandlungsplan in die Hand. Ab sofort muss ich täglich abends eine zusätzliche Spritze setzen, die den vorzeitigen Eisprung verhindert. Er sagt mir, dass die Punktion wahrscheinlich am 14ten Zyklustag stattfinden wird. An dem Tag muss auch mein Mann mitkommen und eine Spermaspende abgeben. Die Assistentin macht mit mir noch mal einen Termin für den dritten Ultraschall am elften Zyklustag aus und entlässt mich. In der Apotheke gegenüber, gebe ich mein letztes Taschengeld für die neuen Spritzen aus. Immerhin gibt es eine Tüte Lakritz und ein paar Augencremeproben gratis dazu.

(Fortsetzung: Der dritte Ultraschall)