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Sonntag, 13. Februar 2011

Ei-Frei

Den Morgen des dreizehnten Zyklustags genießen mein Liebster (ich nenne ihn ab jetzt einfach Noerd*) und ich im Bett. Es ist Sonntag, das Wetter ist herrlich, mir geht es nach der Punktion gestern bestens. Was will man mehr? Ich liege mit meinem Kopf auf Noerds Brust; meine Arme habe ich fest um seine Taille geschlungen. Wir schauen beide an unsere Schlafzimmerdecke und sprechen über das Thema, das momentan unser Leben bestimmt.

Bei der letzten ICSI-Behandlung habe ich mich am Tag nach der Punktion beraubt gefühlt.” beginne ich.
“Diese Mal ist es ganz anders. Ich empfinde es als Entlastung. Ich habe die Verantwortung abgegeben. Ich kann heute tun und lassen was ich will. Ich habe 'Ei-frei'!” sprudelt es fröhlich aus mir heraus.
“Na, wie wäre es dann später mir einem schönen langen Spaziergang durch die Sonne?” schlägt Noerd unternehmungslustig vor.
“Sehr gute Idee. Am Abend könnten wir etwas leckeres kochen und ich trinke ein Glas Wein dazu.” spinne ich den Tag weiter.
“Vielleicht wird es das letzte Glas Wein für eine lange Zeit.” füge ich noch hinzu und verdrehe verschwörerisch die Augen.

Zwei Minuten gemütliche Stille treten ein. Unsere Gedanken scheinen das einzige zu sein, was sich in diesem Moment bewegt. Wenn wir mal ehrlich sind, ist so ein Sonntag nur ohne Kinder möglich. Ich versuche es zu genießen. Natürlich klappt es nicht. Ich wünsche mir buchstäblich, dass in diesem friedlichen Moment die Tür aufgeht, ein bis zwei kreischende Kinder dem Bett entgegen laufen, um - ohne Rücksicht auf unsere Privatsphäre - auf uns drauf zu springen, immernoch kreischend.

“Jetzt im Moment liegt eine Eizelle von mir verschmolzen mit einem Spermium von Dir im Brutschrank.”, sage ich und kuschele mich noch enger an Noerd.
”Den Gedanken allein finde ich schon irre schön.” füge ich noch hinzu. Noerd dreht sein Gesicht zu mir und lächelt mich an.
“Na, ich denke, dass da mehrere von der Sorte herumliegen.” antwortet Noerd nach einer Weile und schaut dann wieder an die Zimmerdecke.
“Also von zehn Eizellen könnten vielleicht fünf reif sein. Maximal sechs bis sieben. Aber ich gehe eher von weniger aus.”, gebe ich zurück.
Bei den letzten Behandlungen waren viele meiner Eizellen bei der Entnahme quasi noch in der Pubertät, also nicht reif. Nicht reife Eizellen lassen sich nicht befruchten. So ist das eben.
“Hauptsache es entwickeln sich drei schöne Embryos für den Transfer morgen. Wenn noch weitere eingefroren werden können für einen Kryo-Versuch, dann wäre es natürlich optimal gelaufen.” überlege ich laut und verliere mich dann wieder im endlosen Beige der Zimmerdecke. Beim letzten Versuch wurden mir dreizehn Eizellen entnommen. Davon waren sechs Eizellen reif. Vier davon haben sich nur befruchten lassen.
“Sicher werden es nicht viel mehr als drei Embryos.” schließe ich die Wahrscheinlichkeitsrechnung ab und hoffe auf einmal, dass es überhaupt drei Embryos werden. Ein kleiner Kummerknoten schnürt sich in der Gegend meines Magens zusammen. Zum Glück findet mein Liebster in diesen Momenten immer die richtigen Worte:
“Wir sollten ein Bild an die Schlafzimmerdecke hängen.”, sagt er und lächelt mich an.

Es wurde ein wunderschöner Sonntag.

Fortsetzung

* Germanischer Gott der Schifffahrt, des Reichtums und der Fruchtbarkeit.

Samstag, 1. Januar 2011

Blei-Babys

Zu Silvester wird im Hause Fruchtig immer gründlich resümiert. Anhand der tausend geschossenen Digitalfotos, die fast nicht mehr zu administrieren sind, schauen wir uns das vergangene Jahr noch einmal an. Was war gut? Was war schlecht? Den ultimativen Erfolgscheck führen wir mittels moderner Projektmanagementtechnik durch: Zu Beginn eines Jahres schreiben wir unsere Wünsche und Vorhaben auf einen kleinen Zettel. Auf den Zetteln sind zirka fünf Themen vermerkt und nach Wichtigkeit sortiert. Mein Liebster trägt dann ein Jahr lang meine Wünsche in seinem Portemonnaie herum und ich seine Wünsche in meinem. Alle paar Monate schauen wir gegenseitig auf die Zettel; aber spätestens am 1. Januar wird abgerechnet!

Ganz oben auf meinem Zettel für 2010 steht: "Ein Baby zeugen." Alle Wünsche danach, wie "wöchentlich zwei mal Joggen gehen" verblassen ein wenig und werden beim Resümee nur am Rande erwähnt. "Streng genommen haben wir das Vorhaben ein Baby zu zeugen erreicht", sage ich zu meinem Liebsten. "Wir haben sogar vierzehn Babys gezeugt in diesem Jahr! Leider konnte ich aber keines unserer wunderschönen Embryos austragen!" Dabei steigt in mir ein quälender Verdacht hoch. "Ich habe meinen Wunsch ans Universum vielleicht falsch formuliert!?" Zusätzlich verknotet sich mein Magen. "Der Wunsch hätte heißen müssen: "Schwanger werden und ein gesundes Baby zur Welt bringen!", schießt es aus mir heraus. Mein Liebster wirft mir einen fragenden Blick zu, als hätte ich ihm vorgeschlagen, unser gespartes Geld in einen Ufo-Landeplatz zu investieren. Nach ein paar Sekunden scheint er zu verstehen und nickt.

Nach dem wir unsere Zettel für 2011 fertig gestellt (diesmal mit der richtigen Formulierung!) und ausgetauscht haben, steht am Abend noch das traditionelle Bleigießen an. So richtig glaube ich zwar nicht an die 3H (Horoskope, Hellseher und anderer Hokuspokus), aber ich habe das mulmige Gefühl, dass ich ohne Bleigießen eine Chance verpasse, mein Schicksal in die richtige Richtung zu stupsen. Meine Schwester Paff und ihr Freund Lippe sind auch dabei. Geduldig halten wir unsere Löffel mit den Bleifiguren über eine Kerze bis das Metall endlich bei 327,43 °C schmilzt. Lippe lässt sein flüssiges Blei zuerst in das kalte Wasser laufen und es bildet sich in einer Millisekunde ein Eiffelturm. Wir haben keinen Zweifel, dass dies bedeutet, dass er dieses Jahr noch in die Stadt der Liebe reisen wird. Der Blick meiner Schwester lässt keinen Zweifel daran, dass sie mit will!

Daraufhin formt Paff ihre Bleifigur in einen Kometen um, der wohl ihren kometenhaften, beruflichen Aufstieg in 2011 vorhersagt. Das erstarrte Blei von meinem Liebsten ähnelt dagegen einem alten Gewehr mit zwei Läufen und einer spitzen Ladeeinrichtung. Im Stillen hoffe ich, dass er mit dieser Flinte 2011 ins Schwarze trifft; von mir aus auch gerne zweimal! Jetzt bin ich dran. Weil ich nicht warten kann, bis die Kerze endlich ausreichend Hitze erzeugt hat, nehme ich noch ein Feuerzeug zur Hilfe. Endlich schmilzt meine Figur. Bevor ich den Löffelinhalt ins kalte Wasser schütte, halte ich kurz inne und konzentriere mich voll auf meinen Wunsch. "Universum", murmele ich in mich hinein, "ich möchte so gerne ein gesundes Kind zur Welt bringen. Bitte gib mir ein Zeichen, dass Du diesmal meinen Wunsch verstanden hast." Jetzt schaue ich wieder auf mein geschmolzenes Blei und kippe den Löffelinhalt vorsichtig in das Glas. Im ersten Moment erkenne ich die neue Form nicht richtig. Ist da überhaupt eine Figur? Mit meinen Fingern fummele ich aus dem kalten Wasserglas mein Ergebnis und das Omen für 2011 heraus. Jetzt erkenne ich, dass es sich um vier kleine Tröpfchen und einen großen Tropfen handelt. "Der große Tropfen muss die Eizelle sein, die es schafft!", denke ich, bin selig und strahle meine verdatterten Tischnachbarn wortlos und glücklich an.