Montag, 14. Februar 2011

Der Anruf

Es ist Montag, Transfertag, vierzehnter Zyklustag und auch noch Valentinstag. Die Sonne scheint. Wenn ich Embryo wäre, würde ich mir genau so einen Tag aussuchen, um es mir in der muckeligen Gebärmutter-schleimhaut meiner Mami gemütlich zu machen. Ich bin ganz elektrisiert von dem Gedanken, dass ich heute Abend quasi “schwanger” bin. Ich sitze schon im Auto und fahre zur Arbeit. Der Termin in der Kinderwunschklinik ist erst am Nachmittag. Danach habe ich mir frei genommen, denn dieses Mal möchte ich alles richtig machen. Vielleicht hat es bei den letzten Versuchen nicht geklappt, weil ich nachdem der Transfer zu viel unternommen habe.

Ab sofort werde ich meinen Körper wieder genauestens beobachten und auf erste Schwangerschaftsanzeichen untersuchen. Werden die Brüste größer? Werden die Brustwarzen dunkler? Werden die Adern an meinen Brüsten sichtbarer? Merke ich Ziehen oder Zucken im Unterleib? Meine Brüste sind durch die Hormonbehandlung schon unangenehm empfindlicher. In Menschenansammlungen verschränke ich schon die Arme vor meiner Brust, damit bloß niemand aus Versehen an meinen Busen kommt. Sollte sich jemand erdreisten meine Brustwarzen absichtlich zu berühren, Ehemänner eingeschlossen, müsste ich ihn leider umbringen.

Die Kinderwunschklinik hat heute Morgen nicht angerufen. Das ist ein gutes Zeichen. Sollte irgendetwas schief gelaufen sein, ruft normaler Weise jemand vor neun Uhr an. Als ich mit meinem Auto bereits vor dem Büro stehe, rufe ich selbst in der Kinderwunschklinik an.

“Kinderwunschklinik, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?”
“Franka Fruchtig, guten Morgen. Ich habe heute Nachmittag einen Termin für den Transfer. Bevor ich arbeiten gehe, wollte ich mich kurz vergewissern, dass alles in Ordnung ist und dass es bei dem Termin bleibt?”
“Ich schaue gern für Sie nach. Sagen Sie mir bitte Ihr Geburtsdatum?” antwortet die nette Dame in der Telefonzentrale.
“Erster erster neunzehnhundertzweiundsiebzig.”, gebe ich bündig zurück.
“Hmhm, ja. Einen kleinen Moment bitte.”

Ich weiß nicht genau, was mich plötzlich bewogen hat, selber bei der Kinderwunschklinik anzurufen. Wahrscheinlich war es das kleine, ungute Gefühl in meiner Magengegend, das ich an diesem perfekten Morgen einfach loswerden wollte. Wenn ich erstmal in meinem Großraumbüro angekommen bin, kann ich unmöglich am Telefon über Befruchtungen von Eizellen reden. Sollte doch ein Anruf von der Klinik kommen, müsste ich erst das Büro verlassen, einige Treppen runterlaufen und den Reparaturraum der Haustechnik aufsuchen. Das ist der einzige Raum indem ich ungestört telefonieren kann.

“So. Hören Sie, Frau Fruchtig?” kommt die rhetorische Frage aus der Leitung.
“Ja?” gebe ich hoffnungsvoll zurück.
“Leider haben sich keine der zehn Eizellen befruchten lassen. Damit fällt dann auch der Termin für den Transfer heute Nachmittag aus.”

Es ist unmöglich diesen entsetzlichen Moment zu beschreiben. Vielleicht kann man ihn vergleichen mit der Todesnachricht eines lieben Verwandten oder einem Anruf von der Feuerwehr, der Dir mitteilt, dass gerade Dein Haus abgebrannt ist. Ich kann mich nur an den Schock erinnern, der wie ein Blitz durch meinen Körper schoss und ihn lahmlegte. Zum Glück hatte ich bereits vor dem Büro geparkt. Zum Glück fuhr ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Moment geschafft hätte, die Kontrolle über meinen Wagen zu behalten.

“Keine Befruchtung?”, frage ich aus purer Hilflosigkeit, als würde es sich die Dame von der Kinderwunschklinik noch mal anders überlegen. Mein Gehirn war einfach noch nicht bereit, diese Nachricht zu akzeptieren.
“Nein, leider.”, ist die ernüchternde Antwort.
“Und was machen wir jetzt?”, schießt es unkontrolliert aus mir raus.

Diese Frage ist sinnlos, aber sie ist der letzte Strohhalm, an den ich mich festklammere. Ich habe Angst, das Gespräch zu beenden, denn das bedeutete die Endgültigkeit des negativen Ergebnisses. So lange die Dame noch am Telefon ist, habe ich das Gefühl, dass uns doch geholfen werden kann. Im Stillen hoffe ich wohl, ich kann für das nötige Kleingeld eine Embryospende aus dem Ausland eingesetzt bekommen. Der Transfertermin wäre gleich heute Nachmittag, alles bliebe (fast) beim alten. Hätte die Dame mir dies in diesem Moment tatsächlich angeboten, ich hätte wahrscheinlich zugestimmt.

“Wollen Sie vielleicht einen Gesprächstermin mit dem Doktor ausmachen?” fragt die Dame zögernd.
“Ja”, sage ich, “am Besten so bald wie möglich. Können wir in der Mittagspause kommen?”

Der Gedanke daran, dass ich länger als zwei Stunden ohne Erklärung, ohne Details und ohne eine Perspektive ausharren muss, ist lähmend. In diesem Moment beschließe ich, dass ich nicht vielleicht irgendwann, sondern SOFORT mit dem Doktor reden muss.

“Eigentlich hat Herr Doktor keine Termine frei heute. Wie wäre es mit Freitag?”
“Nein, Freitag ist viel zu spät. Ich hatte doch einen Transfertermin heute. Eine viertel Stunde muss er also zwischendurch Zeit haben.”, sage ich jetzt mit leichter Aggressivität in der Stimme. Das Gespräch mit dem Doktor scheint mir die einzige Möglichkeit, meine wirren, traurigen und entsetzten Gedanken zu ordnen.
“Hm. Vielleicht geht es so gegen zwölf Uhr. Sie müssten aber ein bisschen Zeit mitbringen.”
“Ok, ich komme um zwölf Uhr.” antworte ich.

Damit war das Gespräch beendet. Ich hatte jetzt alle Zeit der Welt. Termine, die im Büro anliegen, habe ich ausgeblendet. In der Sekunde in der ich auflege, rufe ich auch schon meinen Mann Noerd an. Er geht nicht ans Telefon. “Bitte lass mich jetzt nicht damit alleine.”, denke ich und schreibe ihm direkt anschließend eine SMS mit den Worten: “Ruf mich bitte mal an.” Danach wähle ich die Nummer meiner Schwester. Sie geht ans Telefon, ich sage kurz und knapp, was passiert ist. Sie ist erst sprachlos und versucht dann mich zu trösten. Als ich merke, dass Sie mir meine Verzweiflung nicht nehmen kann, lege ich wieder auf. In diesem Moment ruft Noerd zurück. Ich erkläre ihm sachlich die Situation und hoffe, dass seine Reaktion mir hilft. Er sagt: “Das muss ein Fehler sein.” Das hilft mir nicht aber wenigstens verabreden wir uns in der Mittagspause in der Kinderwunschklinik. Es wird mir klar, dass mir kein Mensch mit Worten oder Taten das wieder geben kann, was ich gerade verloren habe.

Fortsetzung

Kommentare:

  1. Franka, es tut mir so leid für dich!!! Das klingt alles furchtbar schrecklich - ich kann mir gerade gar nicht vorstellen, wie sich in so einer Situation noch ein Lichtblick ergeben kann!?!
    Ich habe am Freitag auch meine erste Punktion und hab selbst solche Angst, dass so etwas passieren, dass etwas total schief gehen könnte. Ich mag gar nicht darüber nachdenken...
    Fühl dich ganz doll gedrückt und getröstet!

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  2. "Es wird mir klar, dass mir kein Mensch mit Worten oder Taten das wieder geben kann, was ich gerade verloren habe."

    Da muss ich Dir voll und ganz zustimmen.....eine sehr schwierige Situation - vor allem weil alle, die nicht in dieser Situation sind, nicht glauben und begreifen können, wie groß so ein Verlust ist.
    Fühl Dich umarmat!

    Ich hab Dir heute morgen schon eine Mail geschrieben.

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  3. Oh nein! Das ist ja schrecklich! Es tut mir sehr leid. :-(
    Bitte erzähle uns bald von deinem Lichtblick.

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  4. oh man, das tut mir so leid...
    ich hoffe, das dich der lichtblick wieder aufbaut...

    ich hatte heute die punktion und am sonntag den transfer,aber das es evtl nicht zu einer befruchtung kommt, daran hab ich noch nie gedacht... jetzt hab ich bauchschmerzen...

    erzähl bitte bald von deinem lichtblick...

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  5. Hallo Franka,

    ich kann nachvollziehen, wie es Dir ging. Eine solche Nachricht kann man einfach nicht akzeptieren.

    Bei unserer 2. ICSI ist tatsächlich eine SS eingetreten. Beim Ultraschall in der 9. Woche sagte die Ärztin dann plötzlich: alles ist gut entwickelt, nur, das Herz schlägt nicht.. Es hat ewig gedauert, bis ich begriffen hatte, dass sich das auch nicht mehr ändern wird.

    Und trotzdem geht alles irgendwie weiter..mit vielen weiteren Versuchen..bis heute leider erfolglos.

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