Donnerstag, 10. Februar 2011

Drei sind einer zu viel

DrillingeDas ist die eindeutige Botschaft der Informationsbroschüren, die ich von der Dame in der Abrechnungstelle bekomme. Zwei Kinder passen vielleicht noch in meinen Bauch. Aber für drei ist er nicht gemacht. Bei Drillingen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass keine bzw. nicht alle Babys überleben, oder so früh zur Welt kommen, dass sie bleibende Schäden davon tragen. Das ist hart. Ein behindertes Kind stellt sich keiner vor, der hier in der Kinderwunschklinik sitzt. Alle träumen von einem gesunden Kind. So eins wie auf den Baby-Foto-Kollagen, die jeden freien Quadratzentimer Wand der Klinik schmücken. Als wir mit der ersten Kinderwunschbehandlung starteten, machten mir die Säuglings-Bilder Mut. Ich dachte mir: "Hey, die können das hier wirklich!" Mittlerweile denke ich mir: "Sind das wirklich Bilder von Babys, die mein Doc zustande gebracht hat, oder sind die Bilder geklaut? Und wenn die Bilder nicht geklaut sind, warum klappt es bei so vielen anderen Paaren und nicht bei uns?" Ich habe mich sogar schon dabei erwischt, zu überprüfen, ob ein Babygesicht irgendwo zweimal hängt.

Auf den nächsten Seiten schildern die Unterlagen das Leben mit drei kleinen Kindern nach der Geburt. Selbst wenn alle Kinder gesund zu Welt kommen, bedeutet die Pflege puren Stress. Es sind drei Kinder zu wickeln, drei Kinder zu füttern, drei Kinder an zuziehen. Ganz zu schweigen davon, dass drei Kinder mit Sicherheit nicht alle zur gleichen Zeit schlafen. Mit dieser Dauerbelastung und dem entsprechenden Schlafmangel, gehen beide Eltern bald auf dem Zahnfleisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung das nicht überlebt, ist groß.

"So und jetzt hier bitte unterschreiben", sagt die Dame, die sich um den Papierkram kümmert und hält mir die "Kenntnisnahme über das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften" unter die Nase. Ich frage mich warum die eigentlich einen weißen Kittel an hat. Die ist doch sicher Bürokauffrau und keine Ärztin. "Das muss ich erst nochmal mit meinem Mann besprechen", gebe ich zurück und bin froh einen Grund gefunden zu haben, die finale Entscheidung über die Anzahl der zu übertragenden Embryos noch etwas herauszögern zu können. "In Ordnung, aber spätestens zur Punktion müssen Sie diese Unterlagen unterschrieben mitbringen."

Als ich aus dem Büro komme, bietet sich mir ein lustiges Bild. Meine Schwester, die auf mich gewartet hat, sitzt auf einem roten Massagestuhl der gerade das Programm "Full Body Relief" erbarmungslos durchführt. Sie kichert das ganze Wartezimmer zusammen, denn sie ist furchtbar kitzelig. Zwei andere Paare mit fortgeschrittenem Kinderwunsch gucken sich das Schauspiel an und können nicht anders als mit zu lachen. Für einen kurzen Moment sind alle Sorgen vergessen. "Sechs lachende Gesichter hat dieses Wartezimmer sicher lange nicht gesehen", denke ich, helfe meiner Schwester aus den Klauen der roten Krake und verlasse mit ihr die Kinderwunschklinik. "Schön, dass Du mitgekommen bist." sage ich zu ihr und lege meinen Arm um sie.

Fortsetzung

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