Freitag, 18. Februar 2011

Die Aussprache

Es ist punkt zwölf Uhr am Freitag Mittag. Mein Mann Noerd und ich verbringen die zweite Mittagspause in dieser Woche in der Kinderwunschklinik. Wir haben einen Termin mit unserem behandelnden Arzt, der leider am Montag nach dem traurigen Ergebnis keine Zeit für eine Besprechung hatte. Meine Wut auf den Arzt ist verschwunden. Seit Dienstag morgen denke ich wieder klarer. Es scheint wirklich war zu sein, dass das Gehirn in der Nacht die Gedanken sortiert und Erlebtes verarbeitet. Natürlich ist es nicht die Schuld des Arztes, dass ich noch nicht schwanger bin. Wenn man es mit fünf Tagen Abstand betrachtet, fällt mir außerdem kein Motiv ein, warum mein Arzt absichtlich ein schlechtes Behandlungsergebnis riskieren sollte. Noerd und ich versuchen nach vorne zu denken und haben uns für den Termin heute ein paar Fragen aufgeschrieben.

"Warum hat es nicht geklappt?", steht ganz oben auf der Liste. Obwohl ich die Antwort schon weiß ("Das kann man nie genau sagen. Die Unreife der Eizellen könnte ein Indiz sein, aber es kann auch einen ganz anderen Grund haben."), werde ich die Frage trotzdem stellen. Quasi als Gesprächseröffnung. Eigentlich erhoffe ich mir von dem Termin heute eine Perspektive. Was kann man beim nächsten Versuch besser machen? Wie sah eigentlich das Spermiogramm von Noerd aus? Was hat die IMSI* gebracht? Was kann man tun, um die Eizellreife zu verbessern? Ich habe auch ein paar kritische Fragen im Gepäck, sowie: "Hätte man zu Beginn des Zyklus schon sehen können, dass sich an einem Eierstock keine Follikel bilden?" Und: "Hätte man zu diesem Zeitpunkt besser abgebrochen, um unseren Geldbeutel zu schonen?"

Ich fühle mich ein wenig wie vor einem wichtigen Geschäftstermin mit einem Lieferanten, von dem ich abhängig bin, der aber beim letzten Mal leider nicht die vereinbarte Ware geliefert hat. Nur fünf Minuten nach zwölf werden wir aufgerufen. Das ist Wartezimmer-Rekord. Im guten Sinne.

Der Doc hat unsere Akte auf dem Tisch liegen. "Er hat sich vorbereitet!", denke ich. Punkt für ihn.
"Guten Tag, Herr Fruchtig. Guten Tag, Frau Fruchtig. Es tut mir leid wegen Montag. Es war einfach so viel los und ich wollte das Gespräch in Ruhe mit Ihnen führen." Klarer Punkt für ihn.
"Ich war selber enttäuscht, als ich das Befruchtungsergebnis gesehen habe. Nur drei Eizellen waren reif, eine davon ist bei der ICSI kaputt gegangen, und die zwei übrigen haben sich nicht befruchten lassen."
"Wie bitte?" denke ich, "Mein Kind ist bei der Injektion verreckt?" Punktabzug für's Labor!
"Aber die IMSI hat tolle Ergebnisse gebracht. Die Spermienqualität war vom Typ 1a." Punkt für Noerd.
"Ich schlage für den nächsten Versuch ein so genanntes "langes Protokoll" vor. So können wir vielleicht eine bessere Eizellreife erreichen. Außerdem sollten wir die Situation ganzheitlich betrachten. Haben Sie Stress, Frau Fruchtig?"
"Hm. Na, ja. Die negativen Schwangerschaftstests und die Enttäuschung sind Stress. Ansonsten bin ich ein eher entspannter Mensch." Punkt für mich?
"Vielleicht probieren Sie mal Traditionell Chinesische Medizin (TCM). Das entspannt den ganzen Körper und speziell die Eierstöcke. Entspannung ist wichtig für eine gute Durchblutung. Wenn die Eierstöcke gut durchblutet sind, wirken die Hormone besser." Definitiver Kostenpunkt für mich.
"Hätte man nicht vor der Punktion abbrechen müssen?" frage ich dann frei heraus?
"Bei zehn Eizellen bricht man nicht ab, Frau Fruchtig. Andere Frauen haben nur eine Eizelle pro Versuch."

Erst nach einer Stunde verlassen wir das Besprechungszimmer. Wir haben Antworten auf alle unsere Fragen bekommen. Der Arzt hat sich außergewöhnlich lange Zeit genommen. Ich bin innerlich vollends mit ihm versöhnt. Der nächste Versuch soll im April starten und zwar vor Zyklustag eins. Bereits einige Tage vor Eintreten der Regel will er meine körpereigenen Hormone unterdrücken. Warum habe ich nicht wirklich kapiert. Bis dahin sind es noch zwei Monate. So ganz nebenbei haben wir erfahren, dass das letzte Spermiogramm von Noerd, das für die ICSI automatisch angefertigt wird, außergewöhnlich gut war. Die Erlebnisse der nächsten Wochen werde ich daher nicht im Detail dokumentieren .. ;)

*IMSI = Intrazytoplasmatische Morphologisch Selektierte Spermien Injektion. Hierbei werden mittels 6500-facher Vergrößerung unter dem Mikroskop die besten Spermien für die ICSI ausgesucht. Der Spaß kostet pro befruchteter Eizelle ca. 200 €.

Kommentare:

  1. na denn viel spass in den kommenden wochen und viel glück.... vielleicht klappts ja auch so.... ;-)

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  2. Ach Franka, ich wünsche dir so viel Glück!!! Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich deine Geschichte mitnimmt - hoffentlich klappt es im April endlich (oder vielleicht gibt's ja auch vorher schon ein kleines Wunder).
    Die Frage, ob Du Stress hast, ist ja wohl nicht zu fassen - ich weiß nicht, wie man diese Behandlungen machen kann und dabei keinen Stress haben soll?! Wir stehen gerade kurz vorm SST nach unserer ersten ICSI und ich hatte gestern erst einen "kleineren Zusammenbruch" wegen extrem schlimmer Bauchschmerzen, die sich nach Regel anfühlten.

    Ich denke an dich, wünsch dir ganz viel Glück und werde trotzdem jeden Tag hier reinschauen, um zu sehen, ob's was Neues gibt!

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  3. Auf Facebook habe ich einen Kommentar von einem Kinderwunsch-Doktor bekommen, den ich Euch hier nicht vorenthalten will. Ich weiß, das die auch keinen leichten Job haben. An dieser Stelle mal ein 'Dankeschön' an alle DoktorInnen, die den vielen glücklichen IVF-Wunschkindern auf diese Welt geholfen haben!

    "Wenn man immer als Arzt so wüsste, was dem Patienten vor einem solchen Gespräch durch den Kopf geht und wie manche Sachverhalte bewertet werden (Wenn eine Eizelle bei der ICSI kaputt geht, dann ist das Fehler der Eizelle, gute Eizellen gehen dabei nicht kaputt), dann würde einem Angst und bange ;)"

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