Sonntag, 2. Oktober 2011

Jedes fünfte Paar!

Bei zwanzig Prozent aller Paare in Deutschland erfüllt sich der Kinderwunsch nicht. Wir sind eins davon! Dieser Blog ist von einer Nichtschwangeren für Nichtschwangere zum - selbstverständlich - anonymen Austausch. In den letzten Jahren habe ich so viele werbeverseuchte Foren durchstöbert und versucht aus den unleserlichen Einträgen ein paar Antworten auf meine tausend Fragen zu bekommen. Ein Geduldsspiel! Weil ich weiß, dass es Euch auch so geht, ist dieser Blog der Versuch meine und Eure Erfahrungen ein wenig leserlicher aufzuarbeiten.

Dass Thema Kinderwunsch ist für mich genauso ernst wie für Euch, trotzdem bemühe ich mich die Themen mit etwas Humor zu behandeln, damit mir derselbe nicht verloren geht. Schreibt mir bitte Kommentare und Themenwünsche; dieser Blog wird nur durch Euch wertvoll!

Eure Franka Fruchtig

Mittwoch, 27. Juli 2011

Der schwarze Rucksack

Müde aber zufrieden sitze ich im Taxi zum Flughafen. Es ist zwei Uhr morgens und das Flugzeug in Richtung Heimat startet um halb vier. Die letzten 48 Stunden waren so erlebnisreich, dass mein Kopf noch immer mit deren Verarbeitung beschäftigt. Die Sehenswürdigkeiten in Kairo haben mich verzaubert. Wegen der Unruhen zu Jahresbeginn waren nur wenig Touristen unterwegs. Beim Mittagessen saß unserere kleine Gruppe ganz allein in einem Restaurant das normalerweise mehrere Hundertschaften von Urlaubern durchschleust. Das Essen kam in Rekordzeit und auch an den Kassen der Museen gab es kaum Wartezeiten. Die gewonnene Zeit nutzte ich, um dem Reiseführer eine wichtige Frage zu stellen: Wie muss ich mich morgen beim Treffen mit den Ägyptern verhalten, damit das Meeting ein Erfolg wird?

Mein Fazit nach circa einer Stunde Diskussion war, dass die Ägypter vor mir als Deutsche Frau durchaus Respekt haben werden. Sie schätzen Deutschland als Vorreiter in vielen Branchen und akzeptieren auch, dass Frauen dort in verantwortungsvollen Positionen arbeiten. Das war die gute Nachricht. Der eindringliche Rat den Ägyptischen Männer nicht zu nahe zu kommen, verwunderte mich etwas, aber die Erklärung war einfach. Gegenüber den Ägyptischen Frauen, die fast auschließlich mit Kopfbedeckung, langärmliger Kleidung und langen Röcken auf die Straße gehen, wirken die Deutschen Touristinnen mit Träger-Shirts und kurzen Röcken wie "leichte Mädchen". Der Ägypter schließt daraus, dass alle Deutschen Frauen Sex von ihnen wollen.

Den Besprechungsraum des gestrigen Geschäftstreffens betrat ich demnach selbstbewusst und in biederer Business-Bekleidung. Bereits nach ein paar Minuten war klar, dass das Treffen ein Erfolg werden würde und die nächsten Stunden vergingen wie im Rausch. Am Ende hatte ich alle wichtigen Informationen beisammen und eine mündliche Zusage der Ägyter, das ersehnte Projekt mit uns zu starten. "Mein Chef wird zufrieden sein.", denke ich während ich bereits das Terminal des Flughafens sehe. Ich gebe dem Taxifahrer die vereinbarte Summe in Ägyptischen Pfund, aber der will plötzlich mehr Geld haben und erklärt in radebrechtem Englisch etwas von Sondersteuer. Ich ärgere mich. Gerade wollte ich ihm noch etwas Trinkgeld geben, aber daran ist mir jetzt der Spaß vergangen. Ohne mich nochmal umzudrehen, nehme ich meinen Koffer, hänge meine Handtasche über die Schulter und rausche in die Flughafenhalle.

Vor dem Check-In Schalter ist bereits eine kurze Schlange. Ich stelle mich an. Endlich vergeht der Ärger über den Taxifahrer. Im relativ armen Ägypten will eben jeder so viel wie möglich Geld nach Hause bringen. Der Portier im Hotel hatte mich bereits vorgewarnt und mir geraten auf keinen Fall mehr als den verinbarten Preis zu zahlen. Ich schaue auf die Anzeigetafel meines Fluges. Es sind noch siebzig Minuten bis zum Abflug. Dann beginnt mein Herz zu pochen. Ich fühle meinen plötzlich rasenden Puls. Schweiß sprießt auf meine Stirn und befeuchtet meine Hände. Wo ist mein Rucksack?

In meinem schwarzen Rucksack befinden sich mein Firmen-Laptop und alle meine Hormone. Verzweifelt schaue ich mich um. Aber mir ist bereits klar, dass ich den Rucksack irgendwo vergessen habe. Tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich bin mutterseelen alleine in Kairo. Das Taxi ist weg. Die Fahrt vom Hotel bis hierher hat 40 Minuten gedauert. Um zurück zu fahren fehlt mir die Zeit. Wenn ich die nächsten Spritzen nicht nehmen kann, fällt die komplette Kinderwunschbehandlung ins Wasser. Die ganze Wien-Planung, der Urlaub, die bezahlten Medikamente, die Hoffnung, alles war umsonst. Ich bin zu paralysiert um zu weinen. Sekunden lang stehe ich unter Schock. Irgendwann schaltet sich mein Hirn wieder ein. Zitternd nehme ich mein Mobiltelefon aus der Handtasche und wähle die erste Nummer aus der Anrufhistorie.

Fortsetzung folgt!

Montag, 25. Juli 2011

Der fliegende Teppich

Es ist Montag; der zweite Zyklustag und der zweite Tag auf Ägyptischem Boden. Gestern Abend war ich auf dem bunten Khan el-Kahlili Market. Der Markt und alle Geschäft hatten geöffnet, denn das Ägyptische Wochenende findet Freitag und Samstag statt. Nach Sonnenuntergang war es immer noch so warm, dass meine Kleidung an mir klebte. Dieses Wetter wünscht man sich sehnlichst für den zweiten Tag der Regelblutung, weil man nicht unterscheiden kann, ob die Hose an den Oberschenkeln klebt, weil man transpiriert, oder weil man bereits dringend das OB tauschen müsste. Die Verfügbarkeit von hygienischen Damenklos auf Ägyptischen Märkten erhöhte meine Verspannung. Trotzdem habe ich es geschafft einen fliegenden Teppich zu kaufen. Der Händler hat mir versprochen, dass dieser mich überall hinbringt. Um eine Frau vom Shoppen abzuhalten, muss sich der liebe Gott schon etwas Raffinierteres einfallen lassen!


Ich habe frei, denn heute ist offizieller Anreisetag. Eine Führung, welche die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Kairo an einem Tag besucht, geht gleich los. In 5 Minuten treffe ich mich am Hoteleingang mit dem Reiseführer. Zeit genug, um die Spritzenkur zu beginnen. Mein Stuhl steht schon vor der Balkontür, denn ich habe beschlossen, die erste Hormonspritze bei famoser Aussicht zu zelebrieren. Es ist wichtig die Hormone immer zur selben Zeit zu spritzen. Maximal erlaubte Abweichung sind 15 Minuten. Nach Durchsicht meines Kalenders für die nächsten zwei Wochen hatte ich mich für 9:15 entschieden.

Ich drehe den GonalF-Pin auf meine Dosis, ramme mir die Nadel in meine Bauchfalte, drücke ab und erlebe eine Überraschung. Der Kopf des Pins lässt sich nicht drücken. Ich versuche es etwas entschlossener, aber auch mit Gewalt lässt sich das Follikelstimmulierende Hormon nicht in meinen Bauch spritzten. Mist! Der Puregon-Pen hat doch auch so funktioniert.

Die Gebrauchsanleitung des Pens liegt auf dem Bett. Das sind drei Schritte zu weit weg, wenn die Nadel schon im Fleisch steckt. Trotzdem erhebe ich mich langsam. Es piekst. Ich mache einen großen Schritt auf's Bett zu. Es schmerzt. Meine rechte Hand, die den GonalF-Pen seit zwei Minuten wie einen kaputten Kugelschreiber hält, bekommt einen Krampf. Endlich kann ich mit der linken Hand die GonalF-Packung greifen. Einhändig fummele ich die Gebrauchsanleitung aus dem Karton und falte sie auf. "Schritt eins: Einheiten durch Drehen des Pens einstellen. Schritt zwei: Pen-Ende herausziehen... " Ok, da haben wir das Problem. Die Gebrauchsanleitung gleitet zu Boden, meine linke Hand zieht das Pen-Ende heraus, es geht beschwerlich aber es klappt, und schließlich sitzt der erste Schuss. Puh! 10 Minuten und ein paar Nerven habe ich verloren; jetzt nichts wie auf zum Reiseführer!

Fortsetzung folgt!


Sonntag, 24. Juli 2011

Hormone on Tour

"Hab ich auch alles?" Ich bin noch müde aber wach genug um nervös zu sein. Vier Tage bin ich unterwegs. Dafür benötige vier Fertigspritzen Decapeptyl, 450 Einheiten GonalF, 150 Einheiten Merional, Folsäure und natürlich meine Viagra Zäpfchen! Die Fertigspritzen müssen gekühlt bleiben. Dazu habe ich sie in der letzten Minute aus dem Kühlschrank genommen, in Zeitungspapier eingewickelt und in meinem Handgepäck verstaut. Das Taxometer zeigt genau sieben Euro an, die Digitaluhr genau sieben Uhr. Diese Harmonie schwappt auf mich über und ich lehne mich zurück.

"Scheiße, hab' ich auch die Spritzen für das Merional eingepackt?" Panik. Ich wühle im dunklen Taxi in meinem schwarzen Rucksack nach den dringend benötigten Utensilien und finde nur drei mal den gleichen Kugelschreiber. Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich hatte ja die Spritzen in die Decapeptyl-Schachtel gestopft. Puh!

Heute ist Zyklustag eins, oder? Wann beginnt eigentlich genau die Regel? Gestern Abend hatte ich eine leichte Schmierblutung. Wäre ich vor dem Schlafen gehen nicht auf die Toilette gegangen, hätte ich es gar nicht gemerkt. Erst heute morgen hat sich die Periode deutlich angemeldet. Wenn heute schon Regeltag zwei wäre, müsste ich heute mit den Spritzen beginnen. Zweifel wühlen sich durch meinen Kopf. Warum hat mir das mein Frauenarzt oder meine Mama niemals genau erklärt? Ich will doch dieses mal alles richtig machen, aber der erste (oder zweite) Zyklustag riecht bereits nach Komplikationen.

Am Flughafen angekommen erwartet mich mein nächster persönliche Krimi. Bekomme ich die Hormone im Handgepäck durch die Sicherheitskontrolle? Mein Deo, die Zahnpasta und das Shampoo habe ich brav in den 1-Literbeutel gepackt. Der Beutel, mein Laptop und mein Gürtel fahren gemächlich auf dem schwarzen Förderband der Röntgenkontrolle entgegen. Dahinter schließt sich mutig mein Rucksack mit den Hormonen an. Angespannt schreite ich durch den Metalldetektor, der natürlich piepst. Das macht er immer, wegen meines BHs und dem Metallknopf an meiner Jeans. Während eine rabiate Dame routiniert meinen Körper abtastet, sehe ich wie mein Rucksack im Röntgengerät verschwindet. Ich starre auf das Gesicht des Kontrolleurs am Bildschirm. Es bleibt ungerührt. Kein Augenzwinkern, kein Stirnrunzeln, keine Lippenzucken. Zehn Sekunden später nehme ich mein Gepäck in Empfang. Wir sind durch!

Die Stewardessen im Flieger sind sehr nett aber auf die Kühlung von Medikamenten nicht vorbereitet. Einen Kühlschrank gibt es im Flugzeug nicht, teilt man mir mit einem strahlenden Lächeln mit. "Ja, und jetzt?", frage ich. "Haben Sie kein Eis?" Doch, Eis hätten sie schon, und man könne die Medikamente ja in eine Plastiktüte mit Eis geben. "Ja, genau!" gebe ich zurück, als ich den letzten Pfennig des Groschens noch fallen höre.

Während des Fluges versuche ich ein wenig zu schlafen. Jedesmal kurz bevor ich einnicke, weckt mich der Gedanke auf, dass ich bloß die Medikamente nicht im Flugzeug vergessen darf. Entspannung sieht anders aus, aber die Medikament vergesse ich auf diese Weise nicht. Kurz vor der Landung bekomme ich sie von den charmanten Damen zurück, wickle sie in das Zeitungspapier und stopfe sie wieder in meinen Rucksack. Mein Sitznachbar schenkt mir einen mitleidigen Blick. Was denkt er wohl?

Als ich aus dem Flughafengebäude gehe, trifft mich der Schlag. Kairo im Juli bedeutet Hitze. Mit dem Gedanken an meine sensible Fracht, steuere ich direkt den Taxistand an. Türkischer Honig und Pyramiden-Magneten in den Souvenierläden müssen warten bis ich zurückkomme! Ich schwinge mich in ein Taxi und gebe die Adresse meines Hotels an. Google Maps verrät mir, dass es vom Cairo Internation Airport etwa 39 Kilometer bis zu Hotel sind. Das müsste doch in 30 Minuten zu schaffen sein.

Eine halbe Stunde später bin ich nicht im Hotel sondern stehe im Stau. Es geht weder vor noch zurück. "Es ist doch Sonntag." denke ich, aber dann fällt mir ein, dass Sonntag in Ägypten ein Werktag ist. Erst nach einer Stunde stehe ich an der Rezeption meines Hotels. Wieder warte ich. Der Minibar-Kühlschrank ist schon so nah, aber die Autorisierung meiner Kreditkarte ist bereits zum dritten Mal fehlgeschlagen. Ich lege den empörtesten Gesichtsausdruck aus meinem Repertoire auf und es funktioniert. Man gibt mir ein Zimmer und bittet mich die Autorisierung am Abend nach zu holen. Zirka sieben Stunden nachdem die Hormone ihr zu Hause verlassen haben, kann ich sie endlich in den sicheren Hafenkühlschrank einschiffen. Es ist geschafft! Ich lasse mich auf mein Bett fallen und jetzt erst sehe ich den bombastischen Ausblick aus meinem Fenster auf den Nil und über Kairo.

Fortsetzung: Der fliegende Teppich!